> > > > > 18.09.2010
Mittwoch, 21. August 2019

Hans Werner Henzes 'Phaedra' in Luzern

Allegrezza primaverile

'Am Morgen' und 'Am Abend' sind die beiden zyklischen Halbkreise von Hans Werner Henzes großem Spätwerk – der Oper und Kammermusik 'Phaedra'. Die Zäsur der Tageszeiten schneidet dabei gleichsam auch den Mythos. In der Frühe die Morgenröte der griechisch-kretischen Erzählung – gen Tramonto die römisch-tuskulanische Fortführung, wie sie Cicero unweit von Henzes Olivenhain in Marino einst vollendete. Auch der Nemisee und das Sanktuarium der Diana lagen in naher Ferne. Glaubt man dem Tagebuch, war dies dem oft so sensiblen, mitunter auch sentimentalen Henze im ganzen Schaffensprozess bewusst. Mit der Zweitteilung der Oper gelang ihm jedenfalls nicht nur das Kunststück, die beiden antiken Welten zu vereinen, sondern auch, die immanente Janusköpfigkeit der Protagonisten authentisch einzufangen.

Henze hatte zudem ein äußerst glückliches Händchen, nach vielen Jahren ohne Ingeborg Bachmann in Christian Lehnert noch einmal einen kongenialen Partner für sein schönheitssüchtiges Musiktheater zu finden. Seinen Dresdner Librettisten lobte er dann auch schnell als „hölderlinesk“ – wobei man zusätzlich hinzufügen sollte, „von Heidegger her“, denn die Götter haben sich auch bei Lehnert längst zurückgezogen. Es in ein fröhlicher, aber letztlich doch leerer Mythos, ein erneutes Verzaubern der entzauberten Welt, das zwischen den Zeilen aus dem Libretto der Phaedra zu uns dringt. Keine Ironie ist nötig, aber auch kein Pathos möglich.

Ganz anders indes Henzes souveräne „musica mundana“. Allein die subtilen Klangfarben des äußerst komprimiert arrangierten Kammerorchesters sind ein wahres Hörerlebnis. Sie erneuern nicht nur die triviale Leitmotivik der spätromantischen Oper, sondern bestimmen, vor allem in Bläsern und Perkussion, auch die Wirkung der Charaktere und Metamorphosen. Henzes Talent, „cantabile“ und doch innovativ für sämtliche Singstimmen zu schreiben, überragt im modernen Musiktheater wohl nur noch Wolfgang Rihm – der im übrigen mit seinen 'Drei Frauen' und dem Salzburger 'Dionysos' am gleichen Mythos einen Narr gefressen hat. Auch bei Rihm muss ein Minotauros im Labyrinth singen. Bei Henze ist die Rolle ebenso humorvoll und spontan, aber mit dem voluminösen Orgelbass von Boris Petronje auch kräftig ins dunkle Register gezogen.

Vor dem prächtigen Klangteppich des transparent ponderierten Luzerner Sinfonieorchesters (unter Mark Foster) kamen die glänzend einstudierten Solistenpartien (Privalova, Kuzuluk, Kittelberger, d’Or) vollends zur Geltung. Dennoch war ein Kühle und Unnahbarkeit der Charaktere schwer zu übersehen. Für Erotik – im Sinne des Mythos – sorgte lediglich die als Doppelrolle besetzte Schauspielerin Daniela Britt, die zwischen lasziver Aphrodite und charismatischer Nofretete unvergesslich in den ersten Akt einführte. Nur hier kehrte sich der Mythos tatsächlich, in Antlitz und Maske, zu seinen Wurzeln zurück. Was Brecht die „Geste“, im Sinne einer schauspielerischen Haltung nannte, hat Britt eindrucksvoll dargeboten. Die Ambilvalenz von Liebe, Schmerz, Neid und Erotik war in ihrer Figur lebendig, denn auch Henze wollte freilich kein simples Lustspiel komponieren. Vielmehr ließe sich seine Ästhetik von Liebe, Verzweiflung und Sehnsucht von Goethe oder Thomas Mann her begreifen. Wie etwa in Manns spätem Essay über die Dichtungen Michelangelos, scheint auch Henze eine unklare Vorstellung der über Ficino vermittelten „platonischen Liebe“ zu suchen. „Erzeugung und Hervorbringung im Schönen“, wie es Diotima dem kreisen Sokrates (aka Henze) riet, war ihm schon immer implizit ein Leitspruch. Für Plato eine Art kosmologische „Weltformel“, lag auch im Mikrokosmos Henzes in der Transzendenz des „Schönen“ Ziel und Streben all seines Schaffens. Doch Henze hat wie eh und je auch viel irdischen Spaß und Humor bewiesen. Den gleichtaktigen Tod von Hippolyt und Phaedra etwa kommentierte der Achtzigjährige (!) im Tagebuch lakonisch mit den Worten: „they hoped for a good fuck“. Ganz so entzaubern endete Phaedra aber dann doch nicht. Die letzte Szene steht kurz vor Sonnenaufgang – das gleißende Licht über der Ciociaria scheint hier gemeint – und doch spricht Hoffnung ausschließlich aus der Musik. Ein Quintett – fantastisch interpretiert – erinnert vom Gestus latent an Mozart, von der Satztechnik deutlich an Alban Berg – es endet, wie sonst, in einem offenen Akkord...

In Luzern haben Stephan Müller (Regie) und Hyun Chu (Bühne) am Ende sehr viel richtig gemacht – viel falsch machen konnten sie freilich nicht, denn Henzes Dramaturgie macht es doch allen Beteiligten noch immer sehr leicht. Eine letzte Spielanweisung in der Partitur war hoffentlich nicht sein letztes Wort: 'con allegrezza primaverile'.

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Kritik von Toni Hildebrandt



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'Phaedra': Konzertoper in zwei Akten

Ort: Musiktheater,

Werke von: Hans Werner Henze

Mitwirkende: Mark Foster (Dirigent), Wolfgang Rihm (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Lucerne Festival

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