> > > > > 17.10.2010
Freitag, 7. Oktober 2022

Klaus Guths 'Tristan und Isolde' in Zürich

Liebestragödie im Speisezimmer

Wagners 'Tristan und Isolde' war im Lauf der Jahrzehnte stets eine unerschöpfliche Spielwiese für Regisseure verschiedenster Herangehensweisen. Claus Guth versucht bei seiner Deutung einen Bezug zu Zürich herzustellen (Bühnenbild: Christian Schmidt) und lässt die Handlung in der Villa Otto Wesendoncks spielen, die Wagner nach seiner Beteiligung an den Aufständen in Dresden als Refugium diente. Guth reduziert die Handlung so zu einem bodenstänigen Bürgerlichen Trauerspiel, bei dem die entscheidende Szene, die Entdeckung der Liebenden, im Speisezimmer vor sich geht; in diesem haucht Tristan im dritten Akt auch sein Leben aus. Einen wirklichen Sinn kann man in dieser Verschiebung der Schauplätze nicht erkennen. Sucht man nach einer markanten Idee in Guths Personenführung, so findet man die im Nachspiel zu Isoldes Liebestod, in dem König Marke nun offenbar Brangäne zu seiner neuen Braut wählt.

Gesprächsstoff bei dieser von Bernard Haitink dirigierten Neueinstudierung bildete viel weniger Guths fragwürdige Inszenierung als die Umbesetzung der beiden Hauptpartien: Aufgrund von unüberbrückbaren Differenzen mit dem Dirigenten wurde Waltraud Meier durch Barbara Schneider-Hofstetter ersetzt; anstelle des erkrankten Peter Seiffert hörte man ab der zweiten Reprise den Skandinavier Stig Andersen, der sich als positive Überraschung des Abends erwies. Sein Tenor ist nicht groß, kommt aber dank seiner Tragfähigkeit sowie der technischen Absicherung in dem verhältnismäßig kleinen Züricher Opernhaus optimal zur Geltung. Zudem vertsteht es Andersen, seine stimmlichen Ressourcen ökonomisch einzuteilen. Konkret bedeutet dies, dass im ersten Akt ein wortdeutlicher Sprechgesang dominiert, was sich als gute Investition für den zweiten und dritten Akt erweist, die der Künstler ohne größere Ermüdungserscheinungen bewältigt.

Über Barbara Schneider-Hofstetter als Isolde lässt sich kaum Positives sagen. Am meisten irritieren die hohen Töne, die von unten angesungen werden und isoliert von der Gesangslinie bleiben. Doch hinterlässt nicht nur die obere Lage einen bitteren Nachgeschmack; die Mittellage und Tiefe klingen eindimensional stumpf. Für Michelle Breedt ist Isoldes Vertraute Brangäne eine absolute Grenzpartie, die sie im ersten Akt zum Forcieren zwingt und andererseits für die Einwürfe während des Liebesduetts eine füllige Mittellage verlangen würde, die der Künstlerin nicht zur Verfügung steht. Martin Gantner singt den Kurwenal mit durchschlagkräftiger Stimme, deren Klangfarbe jedoch mehr ins Charakterfach als zu den heldenbaritonalen Rollen weist. Matti Salminen brillierte im zweiten Akt als wortdeutlicher König Marke, die exponierten Phrasen im letzten Aufzug ('Erwache! Erwache!') ließen die altersbedingten Abnützungen der Stimme deutlich werden.

Bernard Haitink versteht Wagners Partitur als kompakte Klangmasse, die er, mit straffen Tempi versehen, effektvoll zu modellieren versteht. Dramatische Höhepunkte kostet der Dirigent vor allem dynamisch bis zur Neige aus, ohne die beabsichtigte Wirkung zu verfehlen.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Wagner: 'Tristan und Isolde': Oper Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Christian Schmidt (Bühnenbild), Bernard Haitink (Dirigent), Orchester des Opernhauses Zürich (Orchester), Claus Guth (Regie), Barbara Schneider-Hofstetter (Solist Gesang), Stig Andersen (Solist Gesang), Martin Gantner (Solist Gesang), Matti Salminen (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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