> > > > > 07.01.2011
Freitag, 7. Oktober 2022

Tonhalle Zürich, Copyright: Roland Fischer, Zürich (Switzerland)

Tonhalle Zürich, © Roland Fischer, Zürich (Switzerland)

Uraufführung 'Constellation' von Minas Borboudakis

Spannende Klangspiele, starke Emotionen

Das Tonhalle-Orchester Zürich hat sich unter der Leitung von David Zinman (GMD seit 1995) in den letzten Jahren auf ein recht beachtliches musikalisches Niveau gespielt, und doch bleibt der Eindruck nach diesem Konzertabend zwiespältig. Vom Überschwang russischer Gefühle spricht Intendant Elmar Weingarten im Programmheft; diese unverstellt ausbrechenden Gefühle, angesiedelt zwischen Weltschmerz, lyrischer Empfindsamkeit und überschäumender Lebensfreude, sollen in der Musik des Abends hörbar gemacht werden.

Doch begonnen hat dieses Konzert ganz anders, nämlich mit einer spannenden Uraufführung voller Energie und Rhythmus: 'Constellation' für vier Hörner und Orchester von Minas Borboudakis präsentierte sich als inspirierende, kraftvolle Musik, die das Wesen des Universums - auf kosmische Dimensionen nimmt Borboudakis in Werktiteln gerne Bezug - zeigt, welches sich in Veränderung, Wettkampf und Unbeständigkeit manifestiert. Zusammengehalten wird die Komposition von dem geheimnisvoll tönenden Grundton der vier Hörner (Ivo Gass, Mischa Greul, Paulo Muñoz-Toledo, Peter Teutsch), der der Musik eine den Zuhörer im Innersten  berührende Tiefe verleiht. Neben den vier Hornisten des Tonhalle-Orchesters kommen noch vier Schlagzeuger, ein Sampler (samt dreier Lautsprecher) sowie ein großer Streicherapparat zum Einsatz. Die Grundidee des Werks ist stereophonisch ausgerichtet: Die Klangeffekte werden durch Lautsprecher verstärkt, die rechts und links im Orchester sowie vor den Schlagzeugern platziert wurden. Klänge der Hörner wie auch der Schlagzeuger werden, räumlich verteilt, transponiert, granuliert und verfremdet, dazu gesampelt.

Vom permanenten Entstehen und Vergehen spricht diese Musik, die gleichzeitig große Energie und Spannung entwickelt. Alles wird ausdrucksstark auf der allgegenwärtigen Klangwolke der Hörner plastisch dargeboten, durchbrochen wird diese Klangkonstellation dann von gegensätzlichen Klängen des Schlagzeugs. Entstanden ist die Komposition zunächst 2003 als Oktettversion, doch Borboudakis nutzte das Potential zur Expansion. Selbst die aktuelle Version von 12 Minuten könnte durchaus noch eine Erweiterung vertragen, die musikalische Dichte wirkt immer noch ausbaufähig. Das Publikum in Zürich feierte zu Recht das neue Werk, den Komponisten, die Hornsolisten sowie das virtuos aufspielende Orchester unter der Leitung von Constantinos Carydis.

Nach diesem furiosen Auftakt hatte es der Dirigent schwer, die Spannung mit Sergej Prokofjews Konzert Nr. 1 D-Dur op. 19 für Violine und Orchester weiter zu steigern. Vielleicht wäre eine umgekehrte Programmfolge ratsam gewesen. Arabella Steinbacher bezauberte mit einem schlanken Klang, spielte perfekte Trillerketten und fliegende Staccati, das Orchester begleitete aufmerksam und gefühlvoll, und dennoch wirkte das Musizieren etwas ausgebremst; das Werk hätte durchaus glutvoller gestaltet werden können, auch wenn es von einem gewissen lyrischen Grundton dominiert wird. Eine kluge Entsentimentalisierung wäre sicherlich spannend gewesen.

Auch Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 ('Pathétique') wurde von Carydis ungemein schwermütig und pathetisch dargeboten. Breite Tempi und überdehnte Zäsuren dominierten in den ersten beiden Sätzen. Das Orchester meisterte diesen pathetischen Interpretationsansatz recht gut und konnte durchweg auf einer Linie musizieren. Der dritte Satz wird von Carydis beinahe martialisch ausmusiziert, Marsch und Scherzo steigern sich finalmäßig, und schon mit dem letzten Ton hört man Bravo-Schreie und Applaus im Publikum. "Qual und Ekstase der Liebe" - das soll laut Aussage des Komponisten seine Musik geprägt haben. Dieser Aspekt wurde an diesem Abend in Zürich stark betont, und es scheint, dass die Musik teilweise überladen und das Publikum etwas überfordert wurde.

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Kritik von Midou Grossmann



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Tonhalle Zürich 7.1.2011: Constantinos Carydis und Minas Borboudakis

Ort: Tonhalle,

Werke von: Minas Borboudakis, Sergej Prokofieff, Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Constantinos Carydis (Dirigent), Tonhalle Orchester Zürich (Orchester), Arabella Steinbacher (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Tonhalle-Orchester Zürich

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