> > > > > 11.09.2010
Freitag, 23. August 2019

'Tosca' am Opernhaus Zürich

Starreicher Saisonauftakt

Gleich drei verschiedene Scarpia-Interpreten präsentierte das Opernhaus Zürich zu Saisonbeginn: Nach Thomas Hampson und Ambrogio Maestri konnte man in der dritten und letzten Vorstellung dieser Wiederaufnahme mit Ruggero Raimondi einen Veteran der Opernszene erleben. Und man staunte nicht wenig, in welcher Form sich der Künstler knapp einem Monat vor seinem 69. Geburtstag präsentierte: Schon die erste Phrase 'Un tal bacchano in chiesa! Bel rispetto!' strotzte geradezu von vokaler Autorität, die der Künstler die ganze Aufführung aufrecht erhalten konnte. Raimondis Bassbariton hat im Lauf der Jahrzehnte natürlich an Volumen eingebüßt, weshalb ihm auch ihm auch die verhältnismäßig kleinen räumlichen Dimensionen des Züricher Opernhauses entgegen kommen.

Robert Carsens gut ein Jahr alte Produktion zählt zu den eher spärlichen Arbeiten des Regisseurs, die das Libretto nicht vollkommen umkrempeln. Anthony Wards Ausstattung ist collageartig und verbindet Elemente aller drei Akte. So verbirgt sich hinter dem überdimensionalen Gemälde des ersten Akts die Ziegelmauer des Gefängnisses, die bereits den zweiten Akt dominiert. Tosca zeigt Carsen als zum Idol stilisierte Primadonna, die im Te Deum anstelle der Madonna tritt. Man mag über die auf optische Effekte ausgerichtete Inszenierung geteilter Meinung sein; die geringe räumliche Tiefe der Szene führt jedenfalls zu einer oft vermissten stimmenfreundlichen Akustik.

Am Zenit seiner seiner stimmlichen Möglichkeiten befindet sich derzeit Marcelo Alvarez, der in der heutigen Opernszene eine singuläre Erscheinung ist: Sein Tenor hat die Repertoireerweiterung von Nemorino und Alfredo hinzu dramatischeren Partien wie Andrea Chenier, Radames und Cavardossi ohne Qualitätseinbußen mitgemacht und so ist es dem aus Argentinien stammenden Künstler heute jederzeit möglich flexibel zu phrasieren und klanglich facettenreich zu gestalten, ohne jemals in Dauer-Forte Zuflucht nehmen zu müssen. Es spricht für Maria Guleghinas Musikalität, dass sie das Züricher Publikum in der Titelrolle nicht mit ihrem enormen Stimmvolumen überrollt, sondern den Hauptakzent ihrer Interpretation auf die differenzierten Zwischentöne legt und die geballte Forte-Kraft nur als sparsames und deshalb umso wirkungsvolles Ausdrucksmittel einsetzt. Im Orchestergraben stieß das gestalterische Potential auf der Bühne leider auf keinerlei Entsprechung: Nello Santi, beim Schlussapplaus ungewohnt gebrechlich wirkend, zelebrierte Puccinis Partitur mit unnachgiebig zerdehnten Tempi und ohrenbetäubender Lautstarke, was eine Balance von vornherein unterband.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Verdi: 'Tosca': Opernhaus Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Nello Santi (Dirigent), Robert Carsen (Regie), Maria Guleghina (Solist Gesang), Marcelo Álvarez (Solist Gesang), Gianni Raimondi (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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