> > > > > 29.08.2010
Donnerstag, 18. Juli 2019

Antonio Vivaldi

'Ottone in villa' bei den Festwochen Alter Musik

Barocke Soap-Oper in Innsbruck

Die Geschichte von Antonio Vivaldis erster Oper 'Ottone in villa' (Ottone in den Ferien) ist ziemlich unterhaltsam: Die Hauptperson, Cleonilla, tändelt, ähnlich wie Poppea, gleich mit mehreren Männern: Zum einen möchte sie die Gunst des Kaisers Ottone nicht verlieren. Das fällt ihr auch nicht sonderlich schwer, denn Ottone ist leichtgläubig, schwer verliebt in sie und alles andere als ein machtbesessener Herrscher. Zum anderen hatte Cleonilla zwar eine längere Liebschaft mit dem jungen Caio, der nach wie vor über beide Ohren in sie verliebt ist, aber nun spürt sie sehr zum Missfallen von Caio, dass ihre eigentliche Liebe dem schmucken Ostilio gilt. Dumm nur, dass dieser Ostilio eigentlich kein Mann, sondern eine Frau ist, die Tullia heißt; und noch dümmer ist, dass Tullia und Caio eigentlich ein Paar waren, und Tullia sich nur deswegen als Mann verkleidet hat, um ihrem Caio ins Gewissen zu reden und ihn dazu zu bringen, zu seiner Tullia zurückzukehren. Auf dem Höhepunkt der Verwicklungen überrascht Caio seine Cleonilla mit Ostilio (=Tullia) bei einem Stelldichein und verrät sie an Ottone, um sich selbst an Cleonilla zu rächen. Als Ottone entsetzt Cleonilla zur Rechenschaft ziehen will, gibt sich Tullia als Frau von Caio zu erkennen und rettet dadurch Cleonilla aus der schwierigen Situation. Ottone gibt als Dank dafür Tullia ihren Caio zum Mann. Durch Irrungen und Wirrungen der Liebe, der Eifersucht, des Verrats bis hin zum Happy End bietet die Oper viele Situationen, in denen in sehr melodiösen, rhythmisch pointierten und expressiven Arien der jeweiligen Stimmung freien Lauf gelassen wird.

Es ist erfreulich, dass diese selten gespielte Oper bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik aufgeführt worden ist. Die Produktion entstand im Rahmen einer Neueinspielung für die Vivaldi-Edition des Labels Naive im Mai 2010 mit allen Innsbrucker Protagonisten (mit Ausnahme von Sunhae Im). Leider war der Abend nur bedingt eine Werbeveranstaltung für die Neuaufnahme, denn die beiden Hauptdarsteller, Sonia Prina als Ottone und Veronica Cangemi als Cleonilla waren offenbar stark indisponiert. Wer schon einmal erlebt hat, welche Koloraturfeuerwerke Sonia Prina abbrennen kann, konnte über ihre stimmliche Zurückhaltung nur überrascht sein. Zwar ließ sie keinen Zweifel daran, dass sie technisch die Partie absolut beherrscht. Aber mit der tiefen Lage hatte sie hörbar Schwierigkeiten, und man vermisste stimmliche Durchschlagskraft. Ärger noch traf es Veronica Cangemi, die teilweise eher markierte als wirklich sang, höhere Töne nur antippen konnte und stimmlich weit hinter ihrem sonst ausdrucksstarken Sopran zurückbleiben musste. So war es kein Wunder, dass von den Sängern Lucia Cirillo als Caio den meisten Applaus des Publikums bekam. Aber auch sie wirkte stellenweise unkonzentriert und konnte in den ruhigen, tragischen Arien den Spannungsbogen nicht immer aufrecht halten. Die unter anderem wegen ihren tiefen Lage nicht ganz einfache Tenorpartie des treuen Dieners von Ottone, Decio, wurde von Krystian Adam angemessen bewältigt, Sunhae Ims Stimme dagegen war manchmal zu leicht für die expressiven Teile ihrer Partie (besonders in ihrer großen Arie 'Misero' am Ende des zweiten Aktes).

Das Orchester des Abends war das Ensemble Il Giardino Armonico unter seinem Leiter Giovanni Antonini. Zwar mussten auch sie sich erst einspielen; manches in der Ouvertüre klang noch verwackelt und unsicher, aber das stilsichere Gespür für die Stimmungsumschwünge in den Arien, die rhythmische Prägnanz und rasanten Tempi begeisterten viele im Publikum. Dabei klang die Accompagnato-Gruppe mit zwei Cembali und einer Harfe eher etwas dünn, und auch sonst hätte man sich manchmal einen warmeren, satteren Streicherklang gewünscht.

Weit weniger inspiriert war die Regie von Deda Cristina Colonna. Sie ließ die Personen zwar in phantasievolle Kostüme (von Monica Iacuzzo) stecken, die aussahen wie römische Gewänder, aber immer wieder mit modernen Stilelementen gemischt waren (so hatten z.B. alle Sänger Tätowierungen am Körper, Caios Perücke erinnerte an Rastalocken). Aber trotz einiger Videoinstallationen gelang es ihr nicht, den Personen auch nur etwas Leben und Witz einzuhauchen. Von durchdachter Personenführung war kaum etwas zu spüren. Colonna ließ sich auch nicht von der Musik inspirieren und machte wenig aus der Situationskomik vieler Szenen dieser barocken Soap-Oper. Auch das karge Bühnenbild mit einigen verschiebbaren weißen Wänden und wandernden, großen dunkellila-metallisch gefärbten Zypressen von Pier Paolo Bisleri trug nicht dazu bei, Atmosphäre in die Aufführung zu bringen. Eine solche Regie wäre vielleicht vor der großen Händel-Renaissance mit ihren vielen außerordentlich kreativen und witzigen Inszenierungen noch als akzeptabel durchgegangen. Heute wirkt eine solche Aufführung einer Barockoper eher als Rückschritt. Die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik haben so etwas eigentlich nicht nötig.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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Vivaldi: 'Ottone in villa': Landestheater Innsbruck am 29. August 2010

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Antonio Vivaldi

Mitwirkende: Giovanni Antonini (Dirigent), Il Giardino Armonico (Orchester), Sunhae Im (Solist Gesang), Verònica Cangemi (Solist Gesang), Sonia Prina (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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