> > > > > 16.03.2005
Montag, 6. Dezember 2021

Joseph Haydn

András Schiff und das Chamber Orchestra of Europe

Ungehemmt und allürenfrei

András Schiff ist ein Pianist von Weltrang. Als Dirigent zeigt er sich dem Zuschauer nur selten. Im ersten Sinfoniekonzert der diesjährigen Luzerner Osterfestspiele, das das Chamber Orchestra of Europe (ChOoEU) ausschließlich mit Werken Joseph Haydns bestritt, gab es gestern im nicht ganz ausverkauften Kultur und Kongresszentrum Luzern beides zu erleben. Zur großen Freude des Publikums.

Sinfonie C-Dur ‘Pariser’

Gleich zu Beginn wartete das ChOoEU mit einem brillant strahlenden Klang in Haydns Sinfonie C-Dur Hob. I/82 auf. Bei dieser so genannten ‘Pariser Symphonie’ erlebte der Rezipient einen auswendig dirigierenden, punktgenaue Anweisungen streuenden András Schiff, dem man gern beim Dirigieren zusah. Erste und zweite Violinen, sich einander gegenübersitzend, korrespondierten ausgezeichnet. Ein guter Wechsel von Spannung und Entspannung im ‘Vivace assai’ – aufgehängt an den harmonischen Gegebenheiten - führten zu packender Interpretation. Schön flächig erklangen die Flöte, solistisch ragte die Oboe heraus, tragend markierten die Fagotte den Holzbläser-Unterbau. Präzision war allerorten bis ins Detail auszumachen. Distinkt trugen die Violinen ihren Gedanken im zweiten Satz ‘Allegretto’ vor. Das Tutti antwortete, was eine spannende Zwiesprache ergab, die mehr und mehr kontrapunktisch durchgesetzt wurde. Alles lag beim ChOoU in großer Klarheit offen, brauchte von Schiff nur abgerufen zu werden, der das mit Elan tat. Ein bodenständiges, wirklich natürliches Miteinander entspann sich in diesem Satz. Kunstvoll von den Musikern ausgeführt fügte sich das ‘Menuett-Trio’ in den Vierklang der Symphonie-Form. Schiff warf seinen ganzen ungarischen Charme in die Wagschale. Seine Dirigier-Fähigkeiten beeindruckten immer aufs Neue. Schiff formte meisterlich selbst kleinste Gedanken musikalischer Prägung aus, ohne Partitur, ohne Taktstock, völlig ungehemmt und allürenfrei. An Spritzigkeit kaum zu überbieten folgte das ‘Finale.Vivace’, ein triumphaler Scherz des 52-jährigen Komponisten Haydn, der mit dieser Symphonie (und noch fünf weiteren) seinen ersten Auslandsauftrag ergatterte. Die Werke wurden 1784 von einem Pariser Auftraggeber bei ihm bestellt. 1787 fand dort die Uraufführung statt. Die Presse jubelte damals und so möchte man es heute wieder tun. An Aktualität und Biss hat diese Musik nichts eingebüsst, im Gegenteil, sie ist zeitlos, besonders wenn dieses Orchester sie spielt.

Klavierkonzert D-Dur

Hell und licht hob die Einleitung zu Haydns Klavierkonzert D-Dur Hob. XVIII/II an, nun mit András Schiff als Solist am Klavier. Und auch hier legte der Ungar eine Exaktheit der Phrasierung, eine Souveränität in der Beherrschung der technischen Mittel und eine so überzeugende musikalische Linie vor, dass hier von einem glücklichen Ereignis gesprochen werden kann. Ganz nebenbei lotete der Pianist die dynamischen Möglichkeiten des Steinways – zumindest die der unteren Skala – voll aus und entzückte mit herrlichen Momenten. Niemals lässt er sich zu hartem Anschlag verführen, immer strotzt sein Haydn-Spiel von geistiger Frische und edler Anmut. Orchester und Klavier gingen hier eine phantastische Symbiose ein. Seidig nimmt der Meister das ‘Un poco Adagio’, das in seinem Moll-Abschnitt nahezu die Empfindungstiefe Mozartscher Prägung erreicht. Schiff nimmt es genauso ernst. Sein Parlando ist frappierend. Geschmackvoll sein Pedalgebrauch. Rotierende Bässe in der leider allzu kurzen Kadenz liefern den Grund für die herrlich singende rechte Hand. Wie die Pariser Symphonie beendete Haydn auch das Konzert mit einem schalkhaften Finale: diesmal ein ‘Rondo all´ Ungherese.Allegro assai.’ Schiff begreift es humorvoll, stellte mit nie abreißendem Augenkontakt zur Konzertmeisterin das Zusammenspiel sicher. Das Orchester reagierte zum Glück seismografisch, nahm jede Regung des Solisten wahr. Eine Glanzleistung.

Im zweiten Teil des Abends stand Schiff wieder am Pult. Diesmal dirigierte er die Erstfassung für Orchester des Zyklus ‘Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze’. Haydn war stolz auf diese Aneinanderreihung von acht langsamen Sätzen und der Schilderung des Jerusalemer ‘Erdbebens’ nach Jesu Tod, übrigens sein zweiter Auslandsauftrag, diesmal aus Spanien. Mit diesem fast einstündigen Werk huldigte Lucerne Festival dem Passionsgedanken, der thematisch unweigerlich im Vordergrund von Osterfestspielen steht. Es ist ein spezielles Opus, nicht für jedermanns Geschmack, da es doch zwischendurch beträchtliche Längen gibt. Vor allem sind manche Jesus-Worte nicht klar in der jeweiligen Musik identifizierbar, was das ganze beim Verfolgen nicht einfacher werden lässt. Nichts desto trotz zeigte das ChOoEU hier erneut seine hohen klanglichen Qualitäten, die selbstredend bei langsamen Sätzen gefragt sind. Intensiv gespielte Linien und rhythmische Präzision aller Musiker sprangen hier ins Ohr und versüßten die Musik.

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Kritik von Manuel Stangorra

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András Schiff und das Chamber Orchestra of Europe :

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Joseph Haydn

Mitwirkende: András Schiff (Dirigent), Chamber Orchestra of Europe (Orchester), András Schiff (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Lucerne Festival

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