> > > > > 14.03.2005
Montag, 6. Dezember 2021

Olivier Messiaen

Pierre-Laurent Aimard beim Lucerne Festival

Dem Zauber Messiaens gebeugt

Pierre-Laurent Aimard (Klavier) spielt beim Lucerne Festival: „Vingt Regards sur L’Entfant-Jesus“ von Olivier Messiaen Von Manuel Stangorra Der 48-jährige Pianist Pierre-Laurent Aimard schickt sich an zu einem nicht mehr übergehbaren Spezialisten der Musik des 20. Jahrhunderts zu werden. Wie die FAZ soeben vermeldet, wird der in Lyon geborene Franzose beim nächsten Klavierfestival Ruhr das Klavierwerk von Pierre Boulez aufführen. Vorgestern zeigte Aimard sich beim Lucerne Festival Ostern in der Luzerner Franziskanerkirche mit dem unglaublichen Zyklus ‘Vingt Regards sur L’Entfant-Jesus’ von Olivier Messiaen.

Dieser Zyklus hat es in sich, dauert Summa Summarum mehr als zwei Stunden und umfasst 20 Betrachtungen über das Jesuskind. Messiaen schrieb ihn von März bis September 1944 für Yvonne Loriod. Kontrastreich ist die Stimmung in diesem Opus: Von kindlich süß-schwelgerisch bis schnaubend feurig-agressiv, ja dämonisch-tobend, findet sich jede Nuance in diesen Ton–’Bildern’, wie Theo Hirsbrunner treffend in seinem formidablen Programmheft-Beitrag die einzelnen Abschnitte nennt. Weiter heißt es da: ‘Die Zeit bleibt stehen, während der das Bild auf den Betrachter wirkt.’ Das andere Zeitverständnis verleitete den Komponisten, das konventionelle Taktschema von Drei- oder Viervierteltakten aufzugeben, zu Gunsten von frei wechselnden – gern ungeraden – 5er oder 7er Rhythmen, die den Hörer immer wieder irritieren und nicht zur Ruhe kommen lassen.
Der Mensch ist wohl doch auf ein einheitliches Metrum gepolt. Harmonisch scheint Messiaen weniger progressiv vorzugehen. Der Fis-Dur-Akkord wird bei den ‘Vingt Regards’ zum Leitmotiv erkoren und seine nahezu unendlichen Brechungen und Anreicherungen mit Fremdmaterial, die die Luft zum Flirren bringen, machen den Zauber dieser Musik aus. Ein Vergleich der Wirkung dieses Werks mit leuchtenden Edelsteinen, vielleicht mit dem ‘Gralskult’ eines Richard Wagner ist von daher gar nicht so weit hergeholt, doch bedient sich der Franzose nicht jener opulenten Populistik des tönernen Blechs und des Pomps, sondern er schreitet den Weg, den Debussy und Ravel ihm angezeigt haben, nutzt die Zwischenräume und Schwebungen der Klangfarben und zieht toccatenhaftes Material für die Umsetzung seiner Ideen heran.

Als Schüler der Widmungsträgerin des Werks, Yvonne Loriods, ist Aimard quasi von Geburt her prädestiniert für die Interpretation dieser Komposition. Seine Ausbildung u.a. bei György Kurtág – einem der herausragendsten zeitgenössischen Komponisten unserer Tage – und seine enge Freundschaft mit György Ligeti werden seinen Einsatz für die Neue Musik nicht geschmälert haben. Der teilweise auf drei Notensystemen geschriebenen Partitur wird Aimard pianistisch in jeder Hinsicht gerecht. Nicht nur seine glanzvolle, nahezu makellose technische Umsetzung des 177 Seiten umfassenden Oeuvres, welches er - bis auf wenige Lücken - perfekt auswendig memoriert, sondern sein bis an den Rand der physischen Erschöpfung reichender persönlicher Einsatz für diese Musik muss hier gewürdigt werden. Aimard schuf eine großartig angelegte Synthese von musikalischer Durchdringung, Vergeistigung und Atmosphäre. Die Motivation des tief-gläubigen Komponisten ließ er z.B. in der blütenzarten Nummer XIX. 'Je dors, mais mon coeur veille. Lent' lebendig werden. Flirrenden Zauber erlebte der Hörer in der Nummer XIII. 'Noel. Très vif, joyeux.' In der Betrachtung X. 'Regard de l’Esprit de joie. Presque vif.' kochte dagegen Aimards brillante Motorik auf. Dynamisch und was die Pedalisierung angeht hielt sich der Pianist nicht streng an den Notentext, was ihm aber nicht als Negativum angerechnet werden soll, da seine Ausführungen einem inneren logischen Code folgten, der zwingend genug war, um vom Notentext abzuweichen. Das Ergebnis dieses Abends war ein verblüfftes und überwältigtes Publikum zugleich. Kein großes Publikum - die Kirche war nur zu 2/3 gefüllt - dafür aber ein fachkundiges, das sich dem Zauber Messians beugte.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Lucerne Festival:

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Olivier Messiaen

Mitwirkende: Pierre-Laurent Aimard (Solist Instr.)

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