> > > > > 19.08.2010
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Ludwig van Beethoven

Das Musikfestival Grafenegg 2010 ist eröffnet

Die Freude hat einen Namen

Am Ende jubeln alle. Auf dem Podium wird mit Chor und Orchester gejubelt, kräftig und in höchsten Tönen. Mit allen Solisten - bis auf den vorzeitig entlassenen Schurken Pizarro - ertönt die Hymne auf die rettende Gattenliebe. Heldin ist die Gattin. Sie hat den Gatten in abenteuerlicher Verkleidung als Mann unter dem Namen Fidelio gerettet. Getötet sollte der Gatte werden, der edle, der für Freiheit stritt, was nicht allen genehm war, weshalb er in einem spanischen Staatsgefängnis des 16. Jahrhunderts landete, dessen brutaler Chef, der Provinzdespot Pizarro, eine plötzlich anberaumte königliche Inspektion zu befürchten und zu überstehen hat. Und eben jener edle Gatte, Florestan, gerade noch so am Leben, ist die lebende Leiche in seinem Keller, die ihm gefährlich werden könnte. Florestan muss weg. Schnell, kaltblütig, hinterrücks und feige dazu; in seinen Ketten soll er sterben und dann auch gleich in der Zisterneverscharrt werden. Könnte klappen. Klappt aber nicht. In hochdramatischer Geste schleudert Leonore/Fidelio dem Pizarro ihr 'Töt' erst sein Weib!' entgegen. In waffentechnischer Überlegenheit zieht sie einen Revolver gegen den altmodischen Dolch des Diktators. Neue Welt, neue Zeit, neues Frauenbild, Revolution. Oder doch nicht? Ironie? Verzweiflungsjubel? Kunst wider besseres Wissen?

An Beethovens Freiheitsoper aus dem Geist des deutschen Singspiels haben sich Regisseure wund gearbeitet, immer wieder Pathos und Glaubwürdigkeit dieser oratorisch endenden Utopie hinterfragt. Ob man das Werk historisierend auf die Bühne bringt; ob man es ins heutige Ambiente versetzt, in surreale Räume oder in den nahen Osten - am Ende entscheidet immer die Musik. Zieht die uns in den Bann, dann hören wir schon in der Idylle des Beginns das unheimliche Pochen von außen an die Tore des Gefängnisses, dann kündigt das Trompetensignal im zweiten, dem hochdramatischen Teil, nicht nur das Nahen eines Ministers an, dann ist das Signal aus der Höhe, das bis in die Tiefe dringt, für die einen der Ton der Verdammnis und für die anderen der Ton der Rettung. Beethoven hat ein szenisches Requiem komponiert; es widersetzt sich den Gesetzen allgemeiner Theatralik und Dramaturgie.

'Fidelio', konzertant aufgeführt, in kluger Anordnung der Solisten - leicht erhoben hinter dem Orchester - mit dem Chor auf einer Galerie darüber, mit der „sichtbaren Musik“, dem vielleicht wahrhaft adäquaten Bühnenbild für eine solche Klangutopie, eröffnete das vierte Musikfestival Grafenegg in Niederösterreich, das bis zum 12. September in zahlreichen Konzerten ein hochkarätiges Programm bietet. Diese Eröffnung setzt Maßstäbe. Sicheres Fundament ist das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Andrés Orozso-Estrada. Besonders mit der linken Hand sendet der Dirigent immer wieder befeuernde Signale voller Energie in das Orchester und zu den Solisten. Ein Geschwindigkeitshetzer ist er nicht. Auf Intensität und dramatischen Impetus müssen wir aber ganz und gar nicht verzichten. Von edlem Maß ist der Streicherklang, etwa im knappen Vorspiel zum Quartett des ersten Teiles. Die oftmals gefürchteten Passagen der Hörner in beiden Teilen der Arie der Leonore gelingen ohne Wenn und Aber. Die besondere Kraft des Abends geht von den Solistinnen und den Solisten aus, zunächst von den großartig singenden Herren zunächst, dann auch den Damen des Wiener Arnold-Schönberg-Chores in der Einstudierung von Erwin Ortner.

Christof Fischesser ist für Kurt Rydl eingesprungen und beglückt als Rocco mit melodisch betontem Gesang bei geschmeidigem Bassklang. Mit hellem, geläufigem Sopran gibt Bernarda Bobro die Marzelline. Bei dem Tenor Alexander Kaimbacher möchte man etwas bedauern, dass er als Jaquino so knapp bedacht wurde. Mit der kernigen Kraft des Bösen und der unverwüstlichen Kraft des Klischees im besten Sinne gibt Falk Struckmann den Pizarro, dem aller oratorische Jubel von der ebenso dem Klischee verhafteten Kraft des Guten gar nicht so leicht entgegen klingen kann.

Als Florestan war Johan Botha angekündigt. In den Proben übernahm Endrik Wottrich die gefürchtete Partie. Gesungen hat den mörderischen Part dann  Simon O'Neill. Auch wenn er in seiner Arie nicht auf Anhieb die Höhen der Freiheit im himmlischen Reich erklimmt - er gibt eine berührende Leistung und erfüllt die Partie insgesamt mit überzeugender Intensität.

Eine Leonore auf der Höhe, wie sie Anja Kampe derzeit vertritt, dürfte selten sein. Die Charakterisierung ihrer vokalen Gestaltung als jugendlich-dramatischen Gesang trifft unumwunden zu. Da ist die verzweifelte Tiefe, die Melodramatik der Mitte und vor allem der kämpferische Jubel in den triumphalen Höhen; alles in übergangsloser Einbindung, eine verblüffende Irrationalität des Musikalischen. Ein Engel: Leonore mit Revolver auf den Flügeln des Gesanges.

Heribert Sasse liefert Zwischentexte. Ob sie wirklich so naiv gemeint sind, wie sie bei ihm klingen, ist kaum zu glauben, Sachlichkeit wäre dienlicher; der Emotion des Musikalischen kann Sasse nichts hinzu fügen, zurück nehmen wollte er sich auch nicht - sonderbares Dilemma als milder Wermutstropfen an diesem Eröffnungsabend des Musikfestivals Grafenegg, der in überschäumendem Jubel des Publikums im ausverkauften Auditorium endet.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Musikfestival Grafenegg 2010: Ludvig van Beethoven: 'Fidelio'

Ort: Auditorium,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Arnold Schönberg Chor (Chor), Christoph Fischesser (Solist Gesang), Bernarda Bobro (Solist Gesang), Alexander Kaimbacher (Solist Gesang), Falk Struckmann (Solist Gesang), Anja Kampe (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Grafenegg Festival

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