> > > > > 13.06.2010
Freitag, 6. Dezember 2019

Schönbergs 'Gurre-Lieder' im Konzerthaus Berlin

Viel Lärm um ziemlich viel

Es ist viel Lärm um ganz schön viel, den Arnold Schönberg für seine 'Gurre-Lieder' veranstaltet. Ein Lärm, der seinen Preis hat und deshalb selbst in Berlin nur alle zehn Jahre auf irgendeine Bühne kommt. Diesmal ist es das Konzerthaus, das das Werk ans Ende seiner Saison gestellt hat. Erst zum zweiten Mal überhaupt ist es an diesem Ort zu hören. Lothar Zagrosek dirigiert dabei ein zwingendermaßen deutlich aufgestocktes Konzerthausorchester. Zehn Hörner, sieben Klarinetten, vier Harfen ... - die Besetzung allein macht Staunen. Aber es ist nicht nur das; es ist durchaus auch die musikalische Qualität, die diesem überdimensionierten Liederzyklus mit Opernhang innewohnt, eine melodische Erfindungsgabe, die man dem zwölftönigen Schönberg bisweilen gewünscht hätte. Und es ist natürlich die Möglichkeit für den Hörer, sich an einem Orchesterklang zu berauschen, den nur ein solcher Riesenapparat zustande bringen kann. Ein Pianissimo, das die Körperlichkeit eines Forte besitzt, ein Fortissimo, das die Grenzen des Erträglichen auslotet und doch nicht nur laut, sondern kernig ist.

Lothar Zagroseks Interpretation lässt, was Tempi und Mut zum Pompösen anlangt, nichts zu wünschen übrig. Es gelingen ihm und den Sängern zwei sehr kurzweilige Stunden. Doch leider vermag er nur selten die Massen zur Zurückhaltung zu bewegen, es ist die ausgetüfftelte Klanglichkeit Schönbergs, die an diesem Abend auf der Strecke bleibt. Immer wieder reißt Zagrosek die Handfläche vors Orchester und winkt erschrocken: "leiser!" will er andeuten. Es wird ihm selten gefolgt. Wenn die 'Gurre-Lieder' ihre ganz Wirkung entfalten sollen, muss der Klang sich immerfort entwickeln. Crescendo und Decrescendo sind zentral; abrupt dreht Schönberg nur ganz selten am Lautstärkeregler. Doch hier hapert es im Konzerthaus, es gibt meist nur die Grade laut oder relativ leise. Die Gestaltungshoheit liegt eindeutig bei den Musikern und leider eher bei jedem einzelnen als bei der Summe, die sich Orchester nennt.

Damit kämpfen auch die Solisten des Abends. Die Frauen weniger als die Männer, voran Daniel Kirch. Ein wunderschönes Stimmmaterial kann Kirch sein eigen nennen. Satt, tenoral im besten Sinne, schlank; doch fehlt es ihm in der Akustik des Konzerthauses ein wenig an Durchschlagskraft. So ersingt sich Kirch nicht selten einen hochroten Kopf, wenn er gegen das ungnädig spielende Orchester antritt. Er braucht über Gebühr an Kraft, um die hohen Noten, die Schönberg stets auf große Steigerungen komponiert hat, noch durchdringen zu lassen. Dabei gestaltet Kirch schön, das Schwärmen für seine Tove klingt bei seinem Waldemar aus vielen Noten, ebenso wie Wut und Abscheu, nachdem ihm seine Angebetete durch den gewaltsamen Tod genommen wurde.

Melanie Diener hat weniger Mühe, sich zu behaupten. Ihre Liebesschwärmerei ist jedoch bei eher kühlem Ton mehr intellektuell erlebt. Zu glühendem Pathos lässt sich nur die großartige Mezzosopranistin Claudia Mahnke als Waldtaube hinreißen, ihr Part am Ende des ersten Teiles trägt jenes spätromantische Feuer in sich, das die Gurre-Lieber so besonders machen. Und sie dringt mit viel Vibrato über den Orchesterapparat.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



Kontakt zur Redaktion


Konzerthausorchester Berlin: Lothar Zagrosek

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Arnold Schönberg

Mitwirkende: Lothar Zagrosek (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Daniel Kirch (Solist Gesang), Melanie Diener (Solist Gesang)

Jetzt Tickets kaufen
Detailinformationen zum Veranstalter Konzerthausorchester Berlin

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

George Antheil: Serenade No.1 for String Orchestra - Andante molto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich