> > > > > 16.06.2010
Sonntag, 20. Oktober 2019

Essener Gastspiel beim Richard-Strauss-Festival

Eine sichere Sache

Es ist das größte Aufgebot des diesjährigen Richard-Strauss-Festivals: 'Die Frau ohne Schatten' stellt aberwitzige Anforderungen an jedes Opernhaus, war immer nur an den größten Bühnen überhaupt einigermaßen realisierbar. Und sie benötigt insgesamt so viele Akteure, dass auch für die konzertante Aufführung in Garmisch-Partenkirchen nur ein Austragungsort in Frage kam: die Alpspitzhalle im Olympia-Eissportzentrum. Womöglich hätte das dem Garmischer Meister gefallen; Originalton 1934: "Ich vertreibe mir in der Adventslangeweile die Zeit damit, eine Olympiahymne für die Proleten zu componieren, ich – der ausgesprochene Feind und Verächter des Sports." Nun ist Strauss’ Lieblingsoper also in einer Arena seines Heimatsortes (dem der Winterspiele 1936) angekommen: Eishallen zu Opernhäusern!

Aber ob ausgerechnet diese ungeheuer komplizierte und symbolüberladene Oper konzertant überhaupt funktionieren kann – ohne jede visuelle Stütze, ohne Übertitel? Am Essener Aalto-Theater hält sich die grandiose Inszenierung von Fred Berndt seit 1998 im Spielplan – ein echter Dauerbrenner. Doch es wird schnell klar, wie sehr dieser Sensationserfolg auch ein Verdienst des Orchesters ist, das nun im Garmischer Rampenlicht glänzt. Besser als mit den Essener Philharmonikern wird man die 'Frau ohne Schatten' kaum irgendwo zu hören bekommen. Das federleichte, extrem biegsame und zuweilen geradezu tänzerische Dirigat von Stefan Soltesz – es täuscht: solche Präzision ist ohne Drill nicht zu haben. Und seine Truppe spurt vortrefflich, mit einem Wink lässt sie sich aus den nicht immer ausdifferenzierten, aber schon vom schieren Volumen her beeindruckenden Fortissimi auf ein fabelhaftes Begleitungspiano dimmen. Dazu traumwandlerische Soli von Violine und Fagott, unglaublich sichere Pianissimi etwa der Klarinette noch in extremer Höhe – Garanten für Gänsehautmomente.

Die exzellente Sängerführung, für die Soltesz bekannt ist, geht hier freilich ins Leere, stehen die Solisten doch noch vor dem Maestro. Doch auch sie sind ihrer Sache sicher, und sogar das Szenische haben sie in Petto. Silvana Dussmann explodiert auf der Bühne förmlich. Das Gläsern-Zerbrechliche der Kaiserin liegt ihrem Timbre zwar nicht unbedingt, so dass die allmähliche Wandlung der Figur stimmlich nur erahnbar bleibt; die großen Solo-Szenen im zweiten und dritten Akt gelingen ihr aber überaus packend, nicht zuletzt dort, wo sie leise, schüchterne Töne riskiert. Ildiko Szönyi agiert als Amme souverän und spielstark, changiert herrliche zwischen Dämonin und Kupplerin und ist um keinen einzigen Ton verlegen. Wolfgang Brendels Barak strotzt vor Wärme und Weichheit; der noch immer große Bariton überzeugt selbst dann, wenn er spürbar an seine Grenzen geführt wird. Auch der Tenor Jeffrey Dowd, neben Marcel Rosca (Geisterbote und Hüter der Schwelle) ein Essener Ensemble-Urgestein, hat mit dem Kaiser eine Idealrolle gefunden, in der er seine lyrischen Qualitäten freien Lauf geben kann.

Mit Ovationen überhäuft wird schließlich Luana DeVol, die ihre Färberin nicht schriller als nötig anlegt und bis zum Ende bei aller Kraft und Wucht immer intonationssicher und gut verständlich bleibt. In ein buntes Tuch gehüllt, trägt sie als einzige einen Hauch von Kostüm mit sich herum; dagegen wirken die drei eigentlich ja verkrüppelten Brüder Baraks in ihrer Frackmakellosigkeit schon etwas gewöhnungsbedürftig. In den hervorragend disponierten Damenchor hat sich gar ein Kleid verirrt, das beim Eiskunstlauf womöglich besser aufgehoben gewesen wäre. Sportlich sind auch die Tempi, und infolge zahlreicher Striche (in Akt II und III noch deutlich mehr als ohnehin üblich) geht der Abend noch flotter über die Bühne – die Essener spielen ihren Triumph souverän nach Hause. Der Applaus ist stadiongerecht: frenetischer Jubel, standing ovations.

Kritik von Christian Schaper



Kontakt zur Redaktion


Richard Strauss, «Die Frau ohne Schatten»: Konzertanter Opernabend

Ort: Olympia Eisstadion,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Stefan Soltesz (Dirigent), Luana DeVol (Solist Gesang), Jeffrey Dowd (Solist Gesang), Wolfgang Brendel (Solist Gesang), Ildiko Szönyi (Solist Gesang), Silvana Dussmann (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Richard-Strauss-Festival Garmisch-Partenkirchen

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