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Mittwoch, 21. August 2019

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Philharmonie Berlin, Copyright: Manfred Brückels

Philharmonie Berlin, © Manfred Brückels

Marek Janowski dirigiert die 'Missa solemnis'

Beethovens Gaspedal

Eigentlich müsste dieses Beethoven-Werk Deutschlands Festmusik schlechthin sein, und nicht seine Neunte Sinfonie. Gerade seit den Tragödien des 20. Jahrhunderts kann einen das visionär Beschwörende, das Tschingdarassabum der Neunten, dieser teils naive Jubel, der bei Staatsakten, Wiedereröffnungen, Einweihungen so gerne gehört wird, durchaus irritieren. Wie viel wissender ist dagegen Beethovens "Missa solemnis" op. 123; vor allem der Bilder schrecklicher Ereignisse wegen, Kriegsgetümmel, die immer wieder heraufziehen und von einer innigen finalen Bitte um Frieden im "Agnus Dei" übermalt werden.

Doch die Missa solemnis ist nicht die Festmesse unseres Landes geworden, und es liegt sicher nicht an ihrer konfessionellen Bindung des Texts an die katholische Kirche, denn das "Ich glaube an die eine katholische Kirche" im Credo hat der Komponist so zweifelnd wie geschickt in die Chorstimmen geschachtelt, dass es überhaupt nicht zu hören ist. Außerdem: Ist nicht auch in der Neunten von dem "lieben Vater" die Rede, der da überm Sternenzelt wohnen muss? Weltliche Musik ist das nicht.

Beethovens "Missa solemnis" ist musikalisch schlicht zu fordernd, zu überwältigend, als dass sich die Massen je mit ihr hätten anfreunden wollen. Gewiss, die Aufführung unter Marek Janowski in der Berliner Philharmonie ist bestens besucht. Doch bleibt auch die Szene eines langen, bewussten Abschieds im Gedächtnis. Da erhebt sich nach dem wieder und wieder aufrauschenden "Gloria" eine alte Dame, langsam, gequält aus ihrem Sitz und wählt den denkbar weitesten Weg, um den Saal genau vor dem Orchesterpodium zu verlassen. Marek Janowski, der Rundfunkchor Berlin und das Rundfunk-Sinfonieorchester warten und warten. Dann bricht das "Credo" mit seinem zackigen Auftakt in die irritierte Stille, und man wird das Gefühl nicht los, dass es auch mit weniger gehen müsste.

Beethoven hat viel gewollt, sehr viel, und Janowski ist nur dort bereit, dies nicht zu zeigen, wo er die Kräfte seines Chores schonen muss. Die meisten, die dieses Werk schon einmal gesungen haben (der Autor dieser Zeilen inklusive), wissen, dass ausgerechnet dort, wo vom Himmel die Rede ist, man durch eine stimmliche Hölle geht. Janowski zügelt das Orchester, hält die Hand wie einen Deckel vor die Streicher, damit sie sich zurückhalten. Der Effekt ist desillusionierend: Die Chorstimmen spielen plötzlich einen Hauptpart, ohne dass dies musikalisch durch besonders vertrackte Linienführung oder ähnliches gerechtfertigt wäre. Die Wucht der Szene geht verloren. Auf dem Wort "omnipotens", wo Beethoven den ersten Posauneneinsatz des Werks vorgesehen hat, dimmt der Dirigent trotz dreifach notierten Fortes den Klang herunter, um ihn dann wie eine Sirene wieder aufzuziehen. So blamiert Janowksi Beethoven gewissermaßen, hätte der doch eigentlich dafür sorgen müssen, dass alles im Gleichgewicht bleibt. Muss man wirklich so viel nachhelfen, um das Stück zu retten?

Dass es Janowski nicht eigentlich um das Wohl des Chores geht, beweisen die irrwitzig schnellen Tempi in den schweren Fugen. Die dahinstürzende "Et vitam venturi"-Fuge im "Credo" wird zur Farce, weil die eingestreuten, kurios auf der zweiten Silbe betonten "Amen"-Rufe in den Frauenstimmen zu einem Krähen werden. Bach hatte diese musikalische Idee in der Johannespassion vorweggenommen, der Chor fragt "Wohin?", der Bass antwortet "nach Golgatha". Beethoven hat sich daran nicht eben geschickt orientiert, aber eine Karikatur hat er nicht geschrieben.

Es fehlt der Aufführung dennoch nicht an Größe, auch an Ernst. Das Orchestertutti hat Kraft und Kern, der Chor ist technisch auf der Höhe, sich dem Dirigenten stets anzupassen und hat damit weniger Probleme als mancher Bläser, der bei den Tempowechseln etwas zu lange zaudert. Was dieser "Missa solemnis" aber fehlt, ist Beseeltheit, vieles bleibt strahlend kalt. Runter vom Gas! Die Solisten richten da ebenfalls wenig aus, zumal sie Beethoven meist im Block wie Lichthupen einsetzt: ausknipsen, anknipsen, ausknipsen, anknipsen. Der Bass Franz-Josef Selig hält es da im Ensemble mit übertriebener Zurückhaltung und klingt geradezu erschrocken belegt, als er im "Benedictus" für eine Solostelle allein gelassen wird. Mark Padmore singt den Tenorpart mit Interpretationsanspruch und schlankem Ton, der in dieser Aufführung aus dem Rahmen fällt. Camilla Nylunds starkes Vibrato hilft ihr, die Höhen souverän zu bewältigen, beseelt kann man aber auch das nicht nennen. Einzig Iris Vermillion schafft es mit einem Alt, der sich tenoralem Klang nähert, kurze Momente zu erzeugen, die für ein Gänsehautgefühl sorgen.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin: Marek Janowski

Ort: Philharmonie,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Rundfunkchor Berlin (Chor), Marek Janowski (Dirigent), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Orchester), Iris Vermillion (Solist Gesang), Camilla Nylund (Solist Gesang), Mark Padmore (Solist Gesang), Franz-Josef Selig (Solist Gesang)

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