> > > > > 06.06.2010
Samstag, 24. August 2019

'Rusalka' am Opernhaus Zürich

Endstation Müllkippe

Es ist ein hoher Preis, der von Antonin Dvoraks Nixe Rusalka für ihr menschliches Aussehen gefordert wird: Zwar kann sie dank Jezibabas Zauberkünste nun gehen und ihrem geliebten Prinzen auf sein Schloss folgen, doch bleibt sie stumm und kann nur tatenlos zusehen, als dieser von der fremden Fürstin immer mehr in seinen Bann gezogen wird. Für den Prinzen bedeutet seine Untreue gegenüber dem märchenhaften Wesen schließlich den Tod: Als er sich seines Fehlverhaltens bewusst wird, sucht er die von ihm verstoßene Rusalka nochmals auf und stirbt an ihrem letzten Kuss.

Wiens Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann präsentiert dem Züricher Publikum nun eine Interpretation, die eine - zumindest in den ersten beiden Akten noch behutsame - Modernisierung des Märchens versucht. Das Reich des Wassermanns besteht aus einer riesigen blauen (sumpfigen?) Blumenwiese, die auf eine intakte Naturkulisse schließen lässt; Hochspannungsmasten kündigen aber bereits an, dass diese Rusalka in der Gegenwart angekommen ist. Mit dem Auftritt des Prinzen wird im Hintergrund die Skyline einer Millionenmetropole sichtbar, die im dritten Akt ihre tristen Spuren im Naturparadies hinterlassen hat: Durch die Unmengen an Zivilisationsmüll ist das Refugium der Geisterwelt zur Müllkippe verkommen und genauso unwiderbringlich zerstört wie die Beziehung zwischen dem Prinzen und Rusalka, die hier auf ihr letales Ende zusteuert. Im zweiten Akt setzt Hermann auf optischen Minimalismus und deutet das Schloss des Prinzen nur durch einen mit Neonröhren begrenzten Raum an. Matthias Hartmanns Personenführung nimmt Abstand von einer bei diesem Stück so oft gesehnen psychoanalytischen Sichtweise und konzentriert sich auf die emotionalen Aspekte der einzelnen Figuren, wobei ihm vor allem zweiten Akt dank der auf Schauspielniveau agierenden Krassimra Stoyanova als Rusalka berührende Momente gelingen. Sicherlich einer der originellsten Einfälle des Konzepts ist der Auftritt der buckeligen, feuerroten Hexe Jezibaba (Kostüme: Victoria Behr) im ersten Akt: Mit Chirurgenbesteck befreit sie Rusalka von ihrer Schwimmflosse, unter der schließlich die menschlichen Füße auftauchen.

Musikalisch muss sich die Produktion kaum Einwände gefallen lassen. Das Orchester des Opernhaus bietet unter Vladimir Fedosejews Leitung eine vor allem in den Streichern klanglich differenzierte Interpretation der farbig instrumentierten Partitur. Allerdings werden die Klangfluten im Forte immer wieder zu einer für die Stimmen undringlichen Welle. Piotr Beczala demonstriert als Prinz, warum er zu den wirklichen Kronjuwelen der heutigen Opernszene zählt. Sein Tenor hat ein strahlendes Timbre verbunden mit Schmelz und einem tragfähigen Piano. Die technische Perfektion ermöglicht ihm zudem die mühelosen Spitzentöne in die Legatolinie einzubinden. Krassimira Stoyanova ist eine ausgezeichnete Rusalka, mit fein gesponnen lyrischen Phrasen, für die dramatischen Ausbrüche wäre jedoch eine durchschlagskräftigere Höhe wünschenswert. Der Wassermann ist bei Alfred Muff gut aufgehoben. Dass sein hell timbrierter Bassbariton im Lauf der jahrzehntelangen Karriere etwas flackernd geworden ist, ist hier kein gravierender Nachteil. Nicht optimal disponiert schien Michelle Breedt, deren Mezzo als fremde Fürstin etwas schrill und unruhig wirkte. Das hohe Niveau von Alexander Pereiras Ensemble zeigen die kleineren Partien: Die Stimmen der drei Waldelfen Sandra Trattnigg, Anja Schlosser und Katahrina Peetz bilden ein homogenes, aufeinander abgestimmtes Trio. Eva Liebau, in dieser Produktion Eventmanagerin statt Küchenjunge, gefällt mit ihrem lyrischen Sopran, Miroslaff Christoff (Heger) und Liliana Nikiteanu (Jezibaba) runden den positiven Eindruck ab.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Dvorak: 'Rusalka': Opernhaus Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Antonín Dvorák

Mitwirkende: Vladimir Fedoseyev (Dirigent), Orchester des Opernhauses Zürich (Orchester), Liliana Nikiteanu (Solist Gesang), Miroslav Christoff (Solist Gesang), Eva Liebau (Solist Gesang), Katharina Peetz (Solist Gesang), Michelle Breedt (Solist Gesang), Alfred Muff (Solist Gesang), Piotr Beczala (Solist Gesang), Krassimira Stoyanova (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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