> > > > > 16.04.2010
Sonntag, 22. September 2019

Andreas Scholl beim 'Zeitfenster'-Festival

Brillante Vertretung

Eigentlich hätte die Sopranistin Nuria Rial an diesem Abend mit der Accademia Bizantina im Berliner Konzerthaus auftreten sollen, aber die Sängerin erkrankte – und der Countertenor Andreas Scholl sprang ein. Es ist nicht zu wissen, was an diesem Abend eigentlich hätte geschehen sollen, aber schon der Vor- und gar der Nachgeschmack der Formulierung verbietet es, von Vertretung oder Ersatz zu sprechen. Denn das Ensemble und der Sänger (die unter anderem bereits Händel-Platten miteinander eingespielt haben) lieferten einen Abend von höchster Qualität, wundervoller Musik. Entlang dem Rahmenthema 'Aufstieg und Fall' sollte an diesem Abend im Rahmen des Festivals Alter Musik „Zeitfenster“ die „Schlangengrube Rom“ auf dem Programm stehen – und dieser inhaltliche Schwerpunkt wurde streckenweise auch beibehalten. Aus dem 'Guilio Cesare in Egitto' Händels wurden schlicht andere Arien geboten, als ursprünglich geplant, zwei an der Zahl. Weiters sang Scholl eine Arie aus dem 'Trionfo di Camilla' von Nicola Porpora sowie eine von Vivaldi großen weltlichen Kantaten, 'Cessate, omai cessate'. Das Programm, das die Accademia bizantina ohne Sänger bestritt, änderte sich natürlich nicht: die Sinfonia aus Vivaldis 'Tito Manlio', sein Violinkonzert D-Dur RV 208 (mit dem Nebentitel 'Grosso Mogul') sowie Porporas zart zupackendes Cellokonzert G-Dur.

Von Vivaldis eröffnender Sinfonia an zeigte die Accamdemia unter der Leitung des Cembalisten Ottavio Dantone ihre hohe Musizierkultur, die gelungene Frucht historischer Information im Rahmen einer historische informierten Aufführungspraxis, dass nämlich die Musik völlig gegenwärtig, füllig erklingt, wie gerade erfunden (ja, auch solche Gemeinplätze gilt es zu aktualisieren) und bei aller kompakten Gemessenheit und Festigkeit doch offen, mit einem improvisatorischen Gestus, der kenntnisreich bis in die Ornamentation vordringt. Von welcher Qualität die Musiker dieser Akademie sind, zeigte sich nicht zuletzt in den zwei Instrumentalkonzerten, in denen die jeweiligen Stimmführer solierten. Der Geiger Stefano Montanari und der Cellist Marco Frezzato entfesselten eine kontrollierte, kluge Leidenschaft, die nicht zuletzt zu guten alten Vulkanmetaphern drängte, wenn sich das nicht dieser Tage verbieten würde. Vivaldis Konzert offenbarte mit Montanari die prachtverschwenderische Überfülle der Ideen und Darbietungsweisen aus dem Vollen. Montanaris kraftvoll lauter, immer ausdrucksbewusst eingesetzter Ton trieb sich hier in schwindelnde, tollkühne Gebiete – besonders in den sinnenverwirrenden Kadenzen der schnellen Rahmensätze. Im Cellokonzert stand dem mehr Ernst gegenüber, der der galanten Musik von Marco Frezzato interpretatorisch abgewonnen wurde, indem das schöne, beruhigende Vorbeifließen süßer Melodie mit einer dunkel getönten, breiten Intensität ernst genommen wurde. Schlichtweg bravouröse Solisten hat dieses (bravouröse!) Ensemble in seinen Reihen.

Alldem stand Andreas Scholl in nichts nach. Er glänzte in den dramatischen, affekt- und effektgeladenen Opernauszügen sowie der im Verhältnis zum herzreißenden Liebesschmerz des Textes recht ironisch fröhlichen Kantate Vivaldis. In Händels rascher Arie 'Al lampo dell'armi' hätte man sich etwas mehr gewünscht, mehr Lautstärke und Durchsetzungsvermögen gegenüber dem Ensemble – aber damit ist alle krittelnde Kritik bereits beendet. Jedes meisterliche messa di voce, jede feinste Modulierung des Emotionsgehalts und Affektpotenzials (das eine in statischer Eindrücklichkeit, das andere in bewusster Dynamik) zog die Ohren vollends auf sich. Das Aufleuchten des Altus, heraus aus der Wärme und Gefasstheit der Linien, das ließ nicht daran denken, dass hier jemand eingesprungen war. Wie fein das Gemischte der Gefühle von der Acccademia bizantina und Andres Scholl erfasst, dargestellt und transportiert wurde, zeigte vollends die Schlussarie aus Vivaldis Kantate 'Nell'orrido albergo'. Das Stück geriet aufgewühlt und aufgehellt zugleich, gleichsam ein verfliegender Zorn, ein Gefühl in dessen Plötzlichkeit man sich ebenso unerwartet und ertappt fühlte, erstaunt, wie im Zorn selbst. Einzig unverständlich und ärgerlich schließlich die verhältnismäßige Leere des Saals außerhalb der Bühne.

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Kritik von Tobias Roth



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Schlangengrube Rom: Scholl, Dantone, Accademia Bizantina

Ort: Konzerthaus (Grosser Saal),

Werke von: Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel, Nicola Porpora

Mitwirkende: Ottavio Dantone (Dirigent), Accademia Bizantina (Orchester), Andreas Scholl (Solist Gesang)

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