> > > > > 12.03.2010
Sonntag, 25. September 2022

Schumann, Tschaikowsky, Mahler im Konzerthaus

Manfred treibt's wild

Alle Manfreds seien gleich um Vergebung gebeten. Doch der Name „Manfred“ klingt in heutigen Ohren nach einem eher grobschlächtigen Kerl Ende 30, der sein Auskommen eher in einem Chemiewerk denn in einer Galerie findet und sich abends zu seinen zwei Kindern, Frau und Hund ins traute Heim begibt. Vielleicht ist diese aufdringliche Assoziation ein Grund, warum einen beim Hören diverser Manfred-Vertonungen des 19. Jahrhunderts ein seltsames Gefühl beschleichen kann, dass darin doch eigentlich ziemlich übertrieben wird.

Immer emotional

Tatsächlich hatte das nämliche Jahrhundert zu „Manfred“ eine ganz andere Verbindung. Lord Byrons 'Manfred', ist ein Mensch voller Lebensekel, der in krassem Konventionsbruch gegen das Etablierte rebelliert und deshalb die Romantiker, die Getriebenen und Gezeichneten aufs Stärkste ansprach. Nach der Bettlektüre hatte etwa Robert Schumann eine „schreckliche Nacht“. Manfred zum Thema eines Konzertabends zu machen, liegt also nahe, ist jedoch auch eine sehr intellektuelle Angelegenheit. Denn Byrons Dichtung ist keinesfalls heute noch Teil eines literarischen Kanons. Michael Gielen scheint dies bewusst zu sein. Wohl auf Grund der Ferne des Stoffes verlegte er sich mit dem Konzerthausorchester Berlin auf eine sehr effektvolle, den emotionalen musikalischen Gehalt der 'Manfred-Ouvertüre' Robert Schumanns und der 'Manfred-Sinfonie' von Peter Tschaikowsky extrem ausreizende Interpretation. Als wollte er sagen: Seht her, da quält sich einer, da lebt aber auch einer.

Wo Schumann sich kurze, von Streichern getragene Ruhemomente gönnt, vermied Gielen eine Farbgebung, die auf Erleuchtung, auf Lösung hingedeutet hätte. Dies war konsequent und für die Dauer von zehn Minuten als Grundhaltung nicht zu beanstanden. Harmonisch hält Schumann einen schwer zu analysierenden Schwebezustand, Gielen spiegelte diesen in einer aufgewühlt, flotten Darstellung. Dabei ist Gielen doch eigentlich der Mann für das Rationale, der sich am Sezieren neuer Musik erfreut. Eine ungewohnte Rolle also für ihn, doch eine, die er ausfüllte.

Jene Interpretationshaltung, die Schumanns Ouvertüre op. 115 prägte, zeichnete auch Tschaikowskys op. 58 in der zweiten Konzerthälfte aus. Noch schärfer ließ Gielen hier die Akzente setzen, gerade der satte Cello-Klang zog sich wie ein klangliches Leitmotiv durch das Werk. Keine Gnade mit der an seine Grenzen stoßenden Raumakustik kannte Gielen, wenn er das Schlagwerk, das vor allem im Schlusssatz reichlich zum Einsatz kommt, martialisch dreinfahren ließ. Immerhin durfte sich Manfred im dritten Satz einen Moment der Ruhe gönnen, einen gefährdeten.

Schwache Artikulation

Ein Schwachpunkt der Aufführung waren leider die 'Kindertotenlieder' von Gustav Mahler. Man kann grundsätzlich bezweifeln, ob sie in der Interpretation durch einen Bariton die gleiche Aura tiefer Trauer und echten Mitgefühls entfalten können wie mit einem Mezzosopran. Hanno Müller-Brachmann jedenfalls mühte sich zu sehr um Ausdruck, sein Gesang hatte kaum Natürliches. Auch artikulierte er viel zu undeutlich, die Vokale stets in Richtung O gefärbt, so als habe er eine heiße Kartoffel auf der Zunge. Das Orchester begleitete mehr, als dass es sich seiner ganz eigenen Rolle in diesen erstaunlichen Kompositionen bewusst geworden wäre.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Konzerthausorchester Berlin: Michael Gielen, Leitung

Ort: Konzerthaus (Grosser Saal),

Werke von: Peter Tschaikowsky, Robert Schumann, Gustav Mahler

Mitwirkende: Michael Gielen (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Hanno Müller-Brachmann (Solist Gesang)

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Detailinformationen zum Veranstalter Konzerthausorchester Berlin

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