> > > > > 04.08.2010
Mittwoch, 26. Februar 2020

Philippe Jaroussky und Anima Eterna beim RMF

Abend der leisen Töne

Für Stimmliebhaber hat das diesjährige Rheingau-Musik-Festival viel zu bieten. Neben mehreren Konzerten mit unbekannten jungen Sängern nennt der Spielplan Fachgrößen wie Thomas Hampson, Nina Stemme, Angelika Kirchschlager, Diana Damrau und Christian Gerhaher. Am vergangenen Mittwoch nun richtete sich die Aufmerksamkeit in der ausverkauften Basilika Kloster Eberbach auf Philippe Jaroussky, der durch seine internationale CD-Karriere und den Gewinn des ECHO Klassik 2008 längst nicht mehr nur Barock-Spezialisten ein Begriff ist. Den französischen Countertenor von Namens wegen in den Mittelpunkt zu stellen, wäre indes verfehlt, da insgesamt vier Solisten zum Gelingen eines reinen Händel-Abends beitrugen, dessen Intensität sich vornehmlich aus leisen Tönen speiste.

Eröffnet wurde das Programm vom Orgelkonzert g-Moll (HWV 289) in einer Bearbeitung für Cembalo, die sich nicht auf mechanische Allegro-Virtuosität beschränkte, sondern eindrucksvoll zeigte, dass ein Interpret wie Jos van Immerseel allein durch Mittel der Artikulation und Agogik die dynamischen Einschränkungen des Instruments vergessen machen kann. Sein 17-köpfiges, präzise und mit perfekt synchronisiertem Strich musizierendes Ensemble Anima Eterna Brugge leitete der belgische Dirigent und Organist dabei mit wenigen Gesten, die neben langjähriger Zusammenarbeit auch größtmögliches künstlerisches Einverständnis signalisieren. Das Konzert B-Dur (HWV 294), welches Marjan de Haer an ihrer historischen Hakenharfe als innige Solo-Meditation gestaltete, sowie das Orgelkonzert d-Moll op. 7 Nr. 4, dessen von Orgel(positiv), Kontrabass und Cello düster eingefärbter Beginn sakrale Stimmung verbreitete, rundeten den instrumentalen Teil des Programms wirkungsvoll ab.

Erwartungsgemäß waren es aber die beiden Vokalsolisten, die das Publikum am meisten begeisterten, wobei der Applaus nicht auf eine Bevorzugung von Jaroussky gegenüber seiner Partnerin Roberta Invernizzi schließen ließ. In der Tat erwies sich die Italienerin als stilsichere Barock-Interpretin, die den Furor von Adelaides Sturmarie 'Scherza in mar' aus 'Lotario' ebenso bezwingend darzustellen wusste wie die Trauer der betrogenen Armida. Obwohl ihr Sopran technisch gut durchgebildet ist und ? dies ist vielleicht Invernizzis größter Trumpf ? vor Esprit und Expressivität geradezu überschäumte, führte eine nicht immer optimale Platzierung der Koloraturen im lang gezogenen Kirchenschiff zu Problemen. Zudem war festzustellen, dass ihre angenehme Stimme zuweilen ins Harsche kippte, wenn sie diese, möglicherweise verleitet durch die ungünstige Akustik, im Forte der Höhe zu sehr unter Druck setzte.

Auch Jaroussky konnte sich nicht immer gegen das Orchester durchsetzen. Gerade weil sein Altus in Studio-Aufnahmen so präsent klingt, dauerte es eine Weile, bis man sich an das reduzierte Projektionsvermögen in der Basilika gewöhnt hatte. Spätestens in Rinaldos elegischer Arie 'Cara sposa' jedoch trat diese Wahrnehmung in den Hintergrund, denn wer genau hinhörte, konnte all jene Qualitäten ausmachen, die Jarousskys Gesang vereint: überlegene Atemtechnik, elegante Phrasierung und ein berückend androgynes Timbre. Die im zweiten Teil dargebotene Bravourarie 'Venti, turbini' gelang wider Erwarten nicht so überzeugend; in der Mittellage fehlte es den rasanten Koloraturen an Vokalkonsistenz und Raum, während die kurz angetippten Spitzentöne zwar strahlten, aber nicht ganz mühelos produziert wurden.

Für die schönsten Momente des Konzerts sorgten vier Duette aus 'Rinaldo', 'Rodelinda' und 'Ariodante', in denen Invernizzi und Jaroussky wunderbar harmonierten. Der Klang beider Stimmen mischte sich exzellent, wenn sie parallel geführt wurden, verschmolz aber nicht bis zur Indifferenz. Musikalisch und darstellerisch blieben dabei von tadellos ausgeführten Kadenzen bis hin zum halbszenischen Ehekrach in 'Fermati! ? No, crudel!' im Duett Armida-Rinaldo keinerlei Wünsche offen. Der donnernde, drei (Duett-)Zugaben einfordernde Applaus war insofern berechtigt, wirkte angesichts der Intimität des Abends aber seltsam überdimensioniert.

Kritik von Alexander Meissner



Kontakt zur Redaktion


P. Jaroussky / R. Invernizzi / Anima Eterna: Basilika Kloster Eberbach, 4. August 2010

Ort: Kloster Eberbach,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Jos van Immerseel (Dirigent), Anima Eterna (Orchester), Philippe Jaroussky (Solist Gesang), Roberta Invernizzi (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Rheingau Musik Festival

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