> > > > > 06.02.2010
Dienstag, 28. Januar 2020

Konzertante Opernausgrabung in Berlin

Ernst Kreneks 'Orpheus und Eurydike' (1926)

In Berlin tobt dieser Tage ein nicht unamüsanter Opern-Ideologiekrieg, in dessen Kontext man auch die Aufführung von Ernst Kreneks Oper in drei Akten 'Orpheus und Eurydike' (1926) sehen sollte, ein weitgehend vergessenes, als ?schwierig? einzustufendes Werk (laut Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters), basierend auf einem Theaterstück von Oskar Kokoschka, mit expressionistischer Musik zu einem symbolgeladenen, hochexpressionistischen Libretto, voller Klänge, die sich im freitonalen Raum bewegen und die ganz sicher keine Ohrwurmqualitäten besitzen. Eine Rarität also, die das Konzerthausorchester Berlin unter Dirigent Lothar Zagrosek im halbszenischen Rahmen mit zwei Aufführungen am Wochenende neu zur Diskussion stellte. Eine Oper, jenseits der ausgetretenen Repertoirepfade von 'Tosca' und 'Carmen' und 'Traviata'.

Und genau um diese Pfade tobt eingangs erwähnter Ideologiestreit. Denn einerseits äußerte sich der Chefdramaturg eines Berliner Opernhauses kürzlich in einem Interview defensiv darüber, dass sein Haus in den letzten Jahren so viele grandiose Ausgrabungen von vergessenen Werken des frühen 20. Jahrhunderts geboten hat, wofür selbige Oper von der Presse teils gescholten wurde (?Wozu solche Opern, die zurecht vom Spielplan verschwunden sind??), mit dem Resultat, dass jene in der laufenden Saison gebotene Ausgrabung ?Oberst Chabert? (1912) von Hermann Wolfgang von Waltershausen von einer angekündigten Neuinszenierung aus Kostengründen auf zwei halbszenische Aufführung à la Konzerthaus reduziert wurde. Indessen erklärte der der neue Intendant eines anderen Opernhauses an anderer Stelle, man müsse ein ganz neues Repertoireverständnis aufbauen, "weg von diesen ewigen 'Toscas'."

Zwischen diesen beiden Polen offeriert das Konzerthaus nun zum wiederholten Male ihre eigene Opernentdeckungsserie ? nichts ?Zeitgenössisches?, sondern etwas Vergessenes, was auch unter dem Label ?Entartete Musik? laufen könnte (ein besonderes Steckenpferd von Lothar Zagrosek), zudem nicht im Rahmen einer kostenaufwändigen Neuinszenierung wie ehemals in der Bismarckstraße, sondern konzertant mit Videoinstallationen von Regisseur Karsten Wiegand. Die, um das gleich vorweg zu sagen, viel gelungener waren, als die missratenen Projektionen, die es letzte Saison von einem anderen Team zu Braunfels 'Vögeln' (1920) zu sehen gab.

Solche Konzertopern sind ungemein lohnend, weil man sich nicht über misslungene Regiekonzepte ärgern muss, und weil sie es dem Publikum erlauben, Neues kennenzulernen, das gleichzeitig historisch ist und Spiegel einer faszinierenden Epoche: in diesem Fall der frühen 1920er Jahre, die das Trauma des Ersten Weltkriegs mit Neuer Sachlichkeit, Expressionismus und Atonalität zu verarbeiten suchten. So auch Kreneks 'Orpheus', der bei der Uraufführung in Kassel 1926 ein Erfolg war, dann aber vom ein Jahr später uraufgeführten 'Jonny spielt auf' des Komponisten völlig verdrängt wurde in der öffentlichen Wahrnehmung. Wie Karsten Wiegand anfangs verkündete, liegt die letzte Aufführung des Werks 17 Jahre zurück.

Hass - Liebe - Obsession

Das auf den ersten Blick recht wirre Stück, in dem zwei bekannte griechische Mythen ? der von Orpheus und Eurydike sowie der von Amor und Psyche ? miteinander verwoben werden, ist rein inhaltlich der Versuch Kokoschkas, sich seine leidenschaftliche Obsession für Alma Mahler von der Seele zu schreiben, was er im Kriegslazarett zwischen ständig wiederkehrenden Halluzinationen 1915 tat. D.h. das Werk hat einen überaus sinnlichen Kern: die Hassliebe von Alma und Oskar, welche wenig versteckt in der Ehekrisengeschichte von Eurydike und Orpheus ausgespielt wird, die rein gar nichts mit der bekannten Version des Stoffs zu tun hat, wie man ihn von Gluck & Co. kennt. Statt seliger Geister und klassischer Lieder bzw. klassischer Liebe wird hier die Hölle des Zusammenlebens heraufbeschworen und die Unmöglichkeit des Happy End ? erst als Eurydike Orpheus im dritten Akt erwürgt, kann sie sich von ihrem manisch eifersüchtigen Gatten befreien und kann Psyche (die charmante Claudia Barainsky) das Stück zu einem versöhnlichen, im weichen Pianissimo ausklingenden Ende führen, indem sie ihre glückliche Liebe zu Amor besingt.

Kreneks aufgewühlte Musik, teils brutal, teils hochdramatisch, teils nüchtern, teils verspielt, entfaltet in der Wiedergabe durch Zagrosek wenig sinnliche Sogkraft, wirkt eher sachlich, ordentlich und gefühlskalt. Das liegt möglicherweise am Dirigenten, aber vor allem an den Protagonisten. Denen gebührt zwar große Anerkennung dafür, dass sie kurzfristig die Partien für die ursprünglich vorgesehenen, aber erkrankten fünf (!) Kollegen übernommen haben. Aber Brigitte Pinter ist ? rein stimmlich ? keine Sängerin, die verständlich macht, wieso Orpheus sich in Hassliebe nach ihr verzehrt. Sie singt mit brustigem Brünnhilden-Ton, bei dem der klare Fokus verlorengegangen scheint. Nur in der Extremhöhe leuchten ihre Töne imposant und zu Leuchtraketen gebündelt auf. Doch der Großteil der Partie liegt in der Mittellage, in der Pinter unangenehm schwammig klingt ? und damit weitgehend unsinnlich und ausdruckslos. Auch stimmt die Chemie zwischen ihr und Daniel Kirch als Orpheus nicht. Zwar singt er mit schönem, lyrischen Tenor, aber von der Zerrissenheit und verzweifelten Wollust der Partie hörte man nichts.

Eine Ahnung davon, wie schön diese Musik Kreneks auch klingen kann, bekam man neben Barainskys neckischer Psyche (mit klaren, leuchtenden Gesangsbögen) von den drei Furien, die exzellent besetzt waren mit Barbara Senator, Christa Mayer und Kismara Pessatti. (Ich persönlich habe mir mehrmals gewünscht, dass Barbara Senator die Eurydike singen würde ? weil sie die Klarheit und Wärme in der Stimme hat, die Pinter fehlt.)

Safarijagd und Sixties-Look

Das Orchester war auf ein Baugerüst mit drei Ebenen aufgestellt, Violinen unten, Kontrabässe und Holzbläser in der Mitte, Blech oben. In der Mitte standen die Solisten und sangen sozusagen ?von oben? in den Saal, was akustisch hervorragend funktionierte. Auf jeder Ebene war versetzt eine Leinwand aufgespannt, auf der permanent Videofilme abliefen und mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt wurden: einmal in Schwarzweißbildern die Story von Kokoschka und Alma Mahler bzw. der berühmten Alma-Puppe (die Kokoschka letztendlich zertrümmert), dann gab es Bilder von Krieg, Tötung und Einsamkeit im Sixties-Look und schließlich Ausschnitte aus ?Vertigo? mit James Steward und Kim Novak (die Kuss- und Turmszene). Dazwischen sah man beim Tod der Eurydike in Akt 1, wie eine Giraffe bei der Safarijagd stürzt und stirbt. Wieso eine Giraffe, wieso Safari...? Das erschloss sich mir nicht, es hatte aber eine suggestive Kraft.

Ferner waren zwischendurch die Regieanweisungen aus dem Textbuch eingeblendet, was sehr stimulierend auf die Imagination wirkte. Auf einer Leinwand lief ab und zu auch der gesungene Text mit. Unverständlich bleibt, wieso man bei einem so unbekannten Werk ? und bei drei Leinwänden! ? nicht den kompletten Text einblenden konnte.

Willkommene Auffrischung

Das Publikum ließ sich das alles regungslos gefallen. Nach keinem Arioso, nicht mal nach dem Ende des ersten Akts gab es Applaus. Die Musik lud auch nicht wirklich dazu ein, jedenfalls nicht in dieser Wiedergabe. Erst ganz am Ende ? auch weil zwischenzeitlich der Ernst Senff Chor ganz wunderbare Pianissimo-Matrosenweisen zu Gehör gebracht hatte ? erwachte das Auditorium, klatschte vehement und verschwand schnell.

Lohnte also diese Ausgrabung, die im Rahmen eines Krenek-Schwerpunkts des Konzerthauses im Februar lief? Ich finde: ja, denn das Musiktheater der frühen 1920er Jahre ist heute weitgehend terra incognita ? wer kennt noch Stücke wie Paul Hindemiths 'Mörder, Hoffnung der Frauen' (1921), ebenfalls auf ein Libretto von Kokoschka? Nicht einmal Kreneks einstiges Erfolgsstück 'Jonny' (1927) ist heute wirklich gegenwärtig, außer dem Titel nach. Insofern war ich dankbar, die Aufführung und Entdeckungsreise miterleben und mitmachen zu dürfen - gleichwohl mich, ehrlich gesagt, Kreneks Musik vollkommen unberührt ließ, sieht man von den magischen letzten Takten ab, dem beglückenden Gesang der Psyche zu Harfenklängen und trillernder Flöte.

In jedem Fall war das halbszenische Format, das Regisseur Wiegand geschaffen hat, trotz aller kleinerer Einwände, befriedigend. Und verspricht für andere Berliner Opernhüser Positives, wenn sie demnächst ebenfalls auf dieses Prinzip zurückgreifen. Vielleicht sind solche halbszenischen Wiedergaben ja für Berlin der ideale (und kostengünstige) Weg, neue Repertoirepfade zu gehen, ohne gleich den geballten Kritikerzorn auf sich zu ziehen? Gerade in Berlin, wo soviel Standardrepertoire im Dauerangebot ist, sind solche Ausgrabungen eine willkommene Ergänzung und sinnvolle Auffrischung des Opernlebens.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Krenek: 'Orpheus und Eurydike': Lothar Zagrosek, Regie von Karsten Wiegand

Ort: Konzerthaus (Grosser Saal),

Werke von: Ernst Krenek

Mitwirkende: Ernst Senff Chor Berlin (Chor), Lothar Zagrosek (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Claudia Barainsky (Solist Gesang), Brigitte Pinter (Solist Gesang), Daniel Kirch (Solist Gesang), Christa Mayer (Solist Gesang)

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