> > > > > 09.12.2009
Mittwoch, 20. November 2019

Lise de la Salle begeistert in der Philharmonie

Pause für den Winter

Ein Hauch von Frühling mitten im Winter. Als Lise de la Salle mit ihren blutjungen 21 Jahren im strahlend blauen Kleid die Philharmonie betrat, huschte manchem Zuschauer ein Lächeln übers Gesicht. Ja, so sieht die Jugend der klassischen Musik aus, es darf weitergehen, auch beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Eine dunkle Woche war nur wenige Tage zuvor zu Ende gegangen. Plausible Gerüchte machten die Runde, das Orchester werde mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin fusioniert. Marek Janowski, Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters, sollte zum Gesamtleiter und damit zum Exekutor des Orchestermords werden. Dazu ist es nicht gekommen. Nun ist die Fusion wieder vom Tisch. Wer damit gerechnet hatte, dass das Publikum bei diesem ersten Konzert nach dem Gewitter sein Orchester umarmen würde, täuschte sich. In Berlin gab es schon öfter Fusionsgerüchte. Also fiel die Akklamation aus, vor solidarisch ausverkauften Rängen durften die Musiker auch nicht spielen. So war es doch eben schon wieder ein wenig Routine, die sich einschlich, als Janowski mit 'Jeux' von Claude Debussy eine zwar konzentrierte, jedoch nicht eben fesselnde Darstellung bot. So sauber die Übergänge, so mutig die Farbwechsel waren, es fehlte an innerer Spannung.

Keine Furcht vor dem Großen

Dass die Pianistin diese spürte, das wurde mit den ersten Tönen des folgenden Klavierkonzerts von Camille Saint-Saens klar. Lise de la Salle betrat den Saal mit strengem, fast männlichem Schritt; eine kurze Verbeugung, ein schüchternes in sich gekehrtes Schmunzeln. Saint-Saens zweites Klavierkonzert in g-Moll will von der ersten Sekunde an die volle Aufmerksamkeit der Pianistin; es hebt mit einer Art Präludium an, das mehr an Bach als an französische Romantik erinnert. Stark, kraftvoll, angstlos muss man zu Werk gehen. Lise de la Salle zeigte Respekt vor der Partitur, in dieser Quasi-Solo-Kadenz hielten ihre Nerven, einige Akkorde aber misslangen ­– und wenn schon. De la Salle fand sofort wieder ihren Rhythmus und bezwang dieses Konzert, das den Brocken eines Liszt und Tschaikowsky an technischer Schwierigkeit ins nichts nachsteht. Eine gewisse Kühle strahlt von dieser spannenden Pianistin und ihrem Spiel aus, eine Eleganz, die diesem Virtuosenkonzert hervorragend anstand.

Im zweiten und dritten Satz gab de la Salle ein enorm hohes Tempo vor. Nein, einfach wollte sie es sich nicht machen. Marek Janowski nahm das Tempo auf, er behielt de la Salle im Blick, die sich vor allem auf die Tastatur konzentrierte. Das Zusammenspiel war tadellos, das Publikum hingerissen.

Etwas ungehobelt

Den Abend mit französischer Musik beschloss César Francks große Sinfonie in d-Moll. Es ist heute nicht mehr ganz nachvollziehbar, warum dieses Werk so einflussreich war. Wer in Frankreich nach 1889, dem Uraufführungsjahr, Sinfonien schrieb, maß sich an Francks Werk. Für heutige Ohren klingen die Ohr-Würmer vielleicht etwas zu derb, noch dazu, wenn sie derart trompetenschrill und ungehobelt in Szene gesetzt werden wie in der Interpretation Marek Janowskis. Dass das Stück auch kulinarische Momente kennt, das offenbarte allenfalls die hingebungsvoll gespielte Englischhornweise im zweiten Satz.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



Kontakt zur Redaktion


Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin: Marek Janowski

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Claude Debussy, Camille Saint-Saens, César Franck

Mitwirkende: Marek Janowski (Dirigent), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Orchester), Lise de la Salle (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

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