> > > > > 03.01.2010
Montag, 19. August 2019

'Die Frau ohne Schatten' am Opernhaus Zürich

Entzaubertes Märchen

Die Kritik hat Hugo von Hofmannthals Libretto anlässlich der Wiener Uraufführung 1919 ganz schön zerzaust: Die Handlung sei verworren und triefe vor Symbolik. Gerade im Zeitalter der Regie-Dominanz hat das Werk zahllose verschiedene Deutungen erfahren, die meist wenig davon auf die Bühne bringen, was das Libretto vorsieht. David Poutney setzt in Zürich auf eine weitgehend geradlinige Erzählung der Handlungsstränge, wobei er die Verbindung von irdischer und Geisterwelt  ziemlich entzaubert. So spielt gleich die erste Szene in einem bürgerlichen Wohnzimmer, der Kaiser begibt sich im Trachtensakko auf die Jagd, und im Hause Baraks hat schon die industrielle Revolution Einzug gehalten, wie die Arbeiterinnen an den Nähmaschinen vermuten lassen. Die märchenhafte Ebene des Stücks bedient Poutney mit einer Aufwertung des Falken sowie einiger monsterhaften Wesen, die im dritten Akt wohl die Ungeborenen symbolisieren sollen.

Diese eher nüchterne Herangehensweise findet im Orchestergraben ihre Fortsetzung, Peter Tilling hatte in dieser vorletzten Vorstellung der Premierenserie die Chance, aus dem Schattendasein des Assistenten für Franz Welser-Möst an das Dirigentenpult zu treten. Tilling erwies sich dieser Aufgabe gewachsen und lenkte das Orchester mit schlankem und durchsichtigem Klang durch die Partitur. Wie weit sich der in Karlsruhe und Mannheim ausgebildete Musiker bei dem Stück zu einer eigenständigen Interpretation aufschwingen könnte kann man nach dieser Aufführung nicht beurteilen, die häufigen Tempowechsel sowie die kurzatmige Phrasierung als auch die hemmungslosen Forteausbrüche lassen jedenfalls die Handschrift Welser-Mösts erkennen.

Die beste sängerische Leistung der Produktion bietet Michael Volle als Barak: Sein dramatischer und klanglich unverbrauchter Bariton bringt die Geschmeidigkeit für die Kantilenen von 'Mir anvertraut, dass ich sie hege' ebenso mit wie die Kraft für das Finale des dritten Akts. Roberto Saccas Kaiser lässt immer wieder die lyrische Vergangenheit des Künstlers durchhören, so phrasiert er subtiler als die typischen Heldentenöre. Der kehlige und schmelzlose Klang seiner Stimme ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Emily Magees Sopran ist für die Kaiserin beinahe schon zu schwer geworden, weshalb ihr die Bewältigung der hohen Tessitura einige Mühe bereitet. Bei Janice Bairds Färberin sind es nicht bloß die schrilen Spitzentöne, die wenig einschmeichelnd klingen, auch die Mittellage wirkt rau und verquollen. Schwer zu besetzen ist die Partie der Amme, da die Partie einen Mezzosopran mit dramatischer Höhe und profunder Tiefe verlangt, worüber Birgit Remmert durchaus verfügt. Sieht man von Reinhard Mayrs engstimmigem und autoritätslosem Geisterboten ab, stellen die bei diesem Werk so wichtigen kleineren Partien dem hauseigenen Ensemble ein gutes Zeugnis aus, besondere Erwähnung verdient dabei Sandra Trattnigg als Stimme des Falken.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Strauss: 'Die Frau ohne Schatten': Opernhaus Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Franz Welser-Möst (Dirigent), Reinhard Mayr (Solist Gesang), Birgit Remmert (Solist Gesang), Janice Baird (Solist Gesang), Emily Magee (Solist Gesang), Roberto Saccà (Solist Gesang), Michael Volle (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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