> > > > > 27.11.2004
Dienstag, 30. November 2021

Ludwig van Beethoven

Kissin und das Chamber Orchestra of Europe

Zwingende Zwiesprache

An seinem zweiten Abend in Luzern präsentierte Evgeny Kissin gemeinsam mit dem Chamber Orchestra of Europe (COoE) Beethovens Klavierkonzerte Nr. 4 & Nr. 5. Der Solist beginnt traditionell das G-Dur Konzert op. 58: Kissin kniff die Augen zu, spannte seine Fingermuskeln und ein glasklarer Eröffnungsakkord erfüllte das Luzerner KKL. Sein Vorspann war eine überzeugende Visitenkarte für dieses schönste aller fünf Klavierkonzerte Beethovens, die der Interpret hier an zwei Tagen im Rahmen des Lucerne Festivals ‘Piano’ zelebrierte. In vollster Konzentration richtete der 33-Jährige seinen Blick nach vorn auf die Tasten. Nur gelegentlich schweiften seine Augen hinüber zu Neville Marriner am Pult, der die Geschicke mit sensibler und ruhiger Hand - mit einem Wort - souverän leitete und dem Solisten alle Freiheiten durchgehen ließ. Kissin lässt keine Zweifel aufkommen, dass er auch nur eine Note nicht erwischen könnte. Sensitiv ist sein Anschlag, mühelos in jedem Fall. Bei Bedarf kann das Ausnahmetalent auch mal richtig knochentrocken reinlangen. Blütenzarte Legati umspülen bei ihm die Linien des Seitenthemas. Die Kadenz hält Kissin wie eine straffe Predigt: Als Kampfaufruf im Diesseits, als süßen Lockruf hin zum Paradies andererseits. Der russische Pianist beherrscht den Vortrag des Dualismus, sein Spiel kündigt immer von zwei Welten. Er besitzt technische Möglichkeiten, um das Hier und Jetzt zu umreißen und seine Seele weiß von einer besseren Welt zu schwärmen. Einen großen Romantiker hörte das Luzerner Publikum in diesem Satz.

Das ‘Andante con moto’ färbt der junge Ausnahmeinterpret mit viel Tragik ein. Das aufgewühlte Unisono des Orchesters, dem der Solist seine traurige Melodie fest und trocken quasi entgegenspricht, kaum noch singt, erinnert an die großen Largo-Kompositionen des Bonner Meisters. Kissin reduziert seine Dynamik bis auf drei p, bis ihn seine kleine Kadenz wieder aufwallen lässt. Die Streicher setzen wenig später ein und verzaubern ihrerseits: Ein bisschen Fidelio, ein bisschen Egmont schauen da schon zum Fenster herein.

Im ‘Rondo.Vivace’ ist wieder Kissins ganze Technik gefragt. Er hält sie permanent abrufbar – erzielt eine unfassliche Perfektion, die kein anderer Spieler neben ihm beim Pianofestival erreicht. Schnelle gegenseitige Einwürfe klappen heute viel besser als beim ersten Konzert. Marriner und das COoE sind vorzügliche Partner des Ausnahmesolisten, obwohl die Sparbesetzung mit nur fünf Violoncelli und drei Kontrabässen durchaus eine im Fundament zu dünne Klangbalance hinterlassen.

Unwahrscheinlich klar und fein zugleich gelingt Kissin der Einstieg ins Es-Dur Konzert op. 73. Überzeugend ist die Orchestereinleitung mit strahlenden Violinen und peppigen Holzbläsern. Kissins zweiter Einsatz schließt künstlerisch nahtlos an seinen ersten an, ehe er sich durch die zwingende rollende Oktavenpassage ins lyrische Seitenthema hineinschleicht. Streng donnert er die Oktaven und auch dieser Einsatz verstreicht nicht, ohne die überwältigende Demonstration seiner schier grenzenlosen Möglichkeiten. Der nächste Klaviereinsatz beherbergt dämonische Unisono-Oktaven, Triller und aufwärtsgerichtete gebrochene Akkorde und bereitet das Fugato vor, das der Solist wiederum in Oktaven schmettert und welches in suchenden Seitensatzfetzen mündet, die der Russe wieder einmal einzigartig angeht. Die Reprise stellt sich bald darauf ein.

Sein Solistendasein steht ihm gut zu, dem erfahrenen Kissin, denn längst sind diese fünf Konzerte Beethovens bei ihm erprobt (London, Madrid, Paris, Saarbrücken). Er ist der Macher par Excellence: Erhaben, persönlichkeitsstark, perfektionistisch. Über einem ostinaten Violoncelloton entfaltet es seine kunstvollen Zaubereien, greift stürmisch in die Tasten und nimmt sich bei tänzerischen Elementen die nötige agogische Freiheit. Seine zwei Läufe vor der Kadenz gelingen ihm sehr souverän, bevor er in der selbigen die Blicke gänzlich auf sich ziehen kann. Leider bemaß Beethoven die Kadenz zum ersten Satz recht knapp, fast unangemessen knapp für einen Solisten dieses Formats, könnte man meinen.
Nach zwanzig Minuten, im fünften Konzert, summt das Orchester sordinen-gedämpft seinen herzzerreißenden Gesang im ‘Adagio un poco mosso’. Kissin entblößt hier seine starken Gefühle und rückt die Musik des Wiener Klassikers Beethoven [komponiert 1809] viel näher an Chopin heran. Tatsächlich erblickte der Pole bereits das Licht der Welt (1810), als das Konzert – ohne Beethoven – in Leipzig 1811 uraufgeführt wird. Kissin zeigt diese Nähe und das Verbindende zwischen diesen beiden Titanen der Klaviermusik. Geheimnisumwittert beschließt Kissin den zweiten Satz, ehe er ins Rondo Allegro hineinstürmt. Die kraftstrotzenden Es-Dur-Akkordtürme schichtet er bullig übereinander. Es sieht so aus, als ob ihm dieser Schlusssatz die höchste Konzentration bisher abfordert. Seine Mundwinkel-Muskel arbeiten unablässig, während aus dem Innern des Steinway-Flügels herrlichste Klänge erschallen, zusammengefügt zu einer zwingenden Geschichte, in Zwiesprache mit dem Orchester, das ihm heute ein brillanter Partner ist. Auch sein Schlusslauf geling ihm bis aufs Haar und da löst sich die Spannung für Bruchteile von Sekunden vom Antlitz des Jünglings. Als ihm der Applaus entgegenbrandet, ist er bereits wieder gefasst.

Als Zugabe hat er ‘Die Wut über den verlorenen Groschen’ ausgesucht. Noch nie erklang das Werk wohl in atemberaubenderem Tempo... und dennoch so perfekt und musikalisch.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Lucerne Festival Klavierkonzert: Evgeny kissin

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Chamber Orchestra of Europe (Orchester), Evgeny Kissin (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Lucerne Festival

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