> > > > > 26.11.2004
Dienstag, 30. November 2021

Franz Schubert

Pianist Alfred Brendel beim Lucerne Festival

Entschwebt in den Klavierhimmel

Alfred Brendel im KKL in Luzern. Das heißt für den Veranstalter Lucerne Festival ein ausverkauftes Haus. Stühle standen gar im hinteren Bereich des Podiums. Wenn der Altmeister der Klassik sich ansagt, bersten die Säle, das ist in Schwarzenberg bei der Schubertiade nicht anders, als wenn Brendel in der Bielefelder Oetkerhalle oder sonst wo in der Welt auftritt. Sein Publikum liebt ihn. Er hat sich in seinen 56 Bühnenjahren einen Fundus erarbeitet, den ihm niemand streitig machen kann, ja er ist in punkto Schubert und Beethoven eine Autorität und doch ist bei diesem Auftritt eine leichte Veränderung erahnbar gewesen: Sein Spiel ist verglichen mit jüngeren Interpreten unklarer, undifferenzierter, unpräziser geworden. Sein Bühnenabgang liegt also gewissermaßen in nicht mehr allzu weiter Ferne.
Brendels Programm war wieder einmal genau das, was die Menschen von ihm hören wollen: Ein purer Potpourri der Wiener Klassik. Zuerst Mozarts Fantasie-Fragment c-Moll K. 396 (ursprünglich wohl für Klavier &Violine gedacht), sowie Mozarts Klaviersonaten in B (K. 281) und Es (K.282) und Schuberts drei Klavierstücke D 946. Im zweiten Teil spielte der 73-Jährige zum unzähligsten Mal die Sonate op. 109 von Ludwig van Beethoven. Diese gelang ihm verhältnismäßig noch am überzeugendsten.

Opus 109 eröffnete der Pianist wie ein großes Rezitativ; versank in sich selbst, verdeutlichte subtile Strukturen, lenkte sich selbst. Überhaupt war das philosophierende und sich selbst reflektierende Spiel schon immer sein großes Plus, seine ureigenste Domäne, die insbesondere der Beethovenschen Musik sehr zusteht. Nicht umsonst sind seine Interpretationen der späten Sonaten des Bonner Meisters so hochgerühmt und mit Preisen dekoriert. 2004 erhielt Brendel übrigens den Ernst-von-Siemens-Musikpreis, eine der höchsten Ehrungen, die ein Musiker in Deutschland erhalten kann.

Unschlagbar ist Alfred Brendel, wenn es um langsame Sätze geht und seine etwas in die Jahre gekommene Technik - inklusive teils schleifenden Pedals - von seiner emotionalen Kraft verhüllt wird. Er zelebriert das Andante molto cantabile ed espressivo mit einer Innigkeit, die ihm eben kein Jüngerer so schnell nachmachen kann, seine Berufserfahrung, sein künstlerisch-literarischer Horizont, sein hauchend-zärtelnder Anschlag sind hier unerreicht. Er lässt seine Hörer einfach entschweben. Sein Gesichtsausdruck beweist es ein ums andere Mal. Er verlässt scheinbar das irdische Reich, um das himmlische mit seinem Vortrag zu antizipieren. Musikalische Linien verknüpft Brendel, führt sie auseinander und wieder zueinander. Temporelationen tariert er peinlich genau aus und fügt alles zu einem organischen Ganzen zusammen; sein Klangbild ist hier butterweich, selbst wenn es auf Kosten der Klarheit geht. Er will dieses weichgezeichnete Fluidum innigster Empfindung weil Beethoven es so vorgeschrieben hat. Der Wille des Komponisten ist dem aus Normähren stammenden und mittlerweile in London residierenden Musiker unantastbar. Als das Variations-Thema in seiner ursprünglichen Gestalt am Schluss der Sonate wiederkehrt, fällt der Interpret in die alles erstarren lassende Stimmung zurück. Brandender Applaus, dem eine bezaubernde, einerseits ruheerfüllte, andererseits musikalisch lodernde Fassung von Schuberts Ges-Dur Impromptu als Zugabe folgt.

Im ersten Teil hatte Brendel die etwas komische Mozart-Fantasie, die Maximilian Stadler für Klavier ergänzt hat, gespielt. Die Musik war nicht so gut als Eröffnung geeignet und der Pianist fand nicht zum saalfüllenden Forteklang. In die Mozart-Sonate K 281 stieg er mit sehr filigranen, menschlichen Regungen ein, doch seine Rechte leuchtete nicht und war nicht so präsent. Das Pedal nahm er recht gern und auch zu dick. Inspirierender als ihre Vorgängerin ist die Es-Dur Sonate K. 282. Der Adagio-Anfang signalisiert kompositorisches Kalkül, das unweigerlich die Emotionen der anwesenden anspricht. Dynamisch am untersten Ende der Skala spürte Brendel diesen zarten Empfindungen nach, die Mozart ins Werk hineinlegte. Mit kindlicher Unschuld begab er sich an die Menuette I + II. Gefälligkeit, Galanterie, ein bisschen wienerischen Starrsinn ließ der Meister hier gekonnt verschmelzen. Jeder versteht diese Musik.

Bei Schubert gab es ein paar störende Pedalverwaschungen. Wie von Geisterhand gelenkt floss diese Feenmusik wie bei Shakespeare. Und dann war da doch die harmonische Erdhaftung, die Brendel sichtbar machte. Attacca setzt er über in das Es-Dur Werk, das lieblich, fast süßlich-weihnachtlich schien, wäre da nicht der düstere B-Teil. Kryptisch fasste der Recitalist hier in die tiefen Sphären des Steinway-Flügels und ließ Reminiszenzen an die Winterreise keimen. Das Thema wiederholte sich und trug in Brendels Version fast Chopineske Züge. Alles in Allem dennoch ein großer Abend.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Klavier Rezital Alfred Brendel:

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Alfred Brendel (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Lucerne Festival

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