> > > > > 25.11.2004
Dienstag, 30. November 2021

Ludwig van Beethoven

Der Atem stockte...

Eines vorweg; er kann es; Evgeny Kissin konzertierte gestern Abend mit dem Chamber Orchestra of Europe im Rahmen des Lucerne Festival Piano 2004. Am Ende sprangen die Zuhörer von ihren Sitzen und der junge Solist der Klavierkonzerte I-III von Beethoven musste sich im Zugaben geben üben. Übrigens findet das feinste europäische Klavierfestival seiner Art bereits zum 7. Mal statt. Diesmal treten noch bis Sonntag im berühmten Luzerner KKL mit seiner atemberaubenden Akustik neben Kissin, der alle fünf Beethoven-Klavierkonzerte an zwei Abenden im Programm hat, u.a. Leif Ove Andsnes, Elisabeth Leonskaja, Alfred und Adrian (Violoncello) Brendel und Grigory Sokolov auf.

Kissin wahrte bei seiner Performance die Chronologie der Entstehung. Er begann mit dem Konzert Nr. 2 in B-Dur op.19. Rhythmisch überaus exakt und mit sehr direktem Anschlag stieg der Russe in den Allegro-con-brio-Kopfsatz ein; traumhafte Momente musikalischer Gedankenführung präsentierte der Pianist da, wartete agogisch immer bis zum Äußersten und genoss die Musik. Leider trafen Neville Marriner am Pult des Chamber Orchestera of Europe und der Solist nach heiklen Läufen nicht immer genau zusammen auf dem Akkord ein, was insbesondere bei den Schlüssen ins Gewicht fiel, trotzdem zeichneten sie ein strahlendes Bild von diesem frühen Klavierkonzert des 25-Jährigen, der 1800 erst die heute gültige Fassung vorlegte. Im zweiten Satz ‚Adagio’ skandierte Kissin herrlich (Nun komm doch) und schuf Momente, wie von einem anderen Stern. Attacca schwenkte er mit enormer Spritzigkeit in das Rondo-Finale ein. Sehr markig vertritt er hier den gegen den Takt gebürsteten Rhythmus und unterstreicht die spielerischen Elemente seines Soloparts. Läufe gelingen ihm gestochen scharf. Berauschend ist seine intellektuelle Präsenz und sein manueller Zugriff. Beethovens Humor kehrt er dabei nicht unter den Tisch.

Das erste Konzert in C-Dur op.15 - an zweiter Stelle im Konzertprogramm - gewann durch Kissins sensible Anschlagskunst. Pauken ‚als Herrschaftssymbolik’ treten hinzu und verleihen der Musik einen heroischen Charakter. Klug gestaltet der 1971 in Moskau geborene Interpret seine Einsätze. Saubere Motorik der Linken paart sich mit salbungsvoll süßer Melodik der Rechten. Kissin führt den Hörer ganz nach seinen Ideen und erzählt seine Story. Den Ausgang der Durchführung gestaltet er so spannend, dass dem Publikum der Atem stockt. Kissin ‚hier ganz Stürmer und Dränger’ lässt sich da nur schwer zügeln und seine sowjetischen Interpretations-Wurzeln werden hörbar. Sein Klang ist bisweilen ein wenig hart und zu druckvoll. Im Largo ist die Balance sehr ausgeglichen zwischen dem Chamber Orchestra of Europe und dem Solisten. Die Akustik des Saals zeichnet ein großvolumiges, plastisches Bild. Der Dialog mit den Holzbläsern entspinnt sich und der Interpret verfolgt eine lebendige, zielorientierte Tempogestaltung. Technisch ist zu bemerken, dass er trillern kann wie kaum ein zweiter. Ein echtes Kabinettstückchen ist der dritte Satz Allegro scherzando. In dahinrauschendem Tempo vermochte Kissin jede noch so kleine Nuance des Soloparts in einzigartiger Weise zu demonstrieren. Ein Feuerwerk der Lebenskunst, -lust, und -energie ballt sich da zusammen. Der werkimmanente Dualismus zweier miteinander ringender Personen, der dem Satz in seinen verschiedenen Couplets immer zugrunde liegt, hat Kissin hier weltmeisterlich vorexerziert.

Nach der Pause das 3. Konzert c-Moll op. 37. Marriner startet hier mit britischem Understatement. Der Altmeister bedient sich im weiteren Verlauf keineswegs Harnoncourts Dramatik oder Rattles Power: Bei ihm läuft die Musik unaufgeregter: dennoch aussagekräftig. Kissin bedient sich dagegen eines massiven Kräfteeinsatzes und übertreibt es fast. Er kann allerdings wenige Momente später völlig in Weichzeichnung mit deutlicher Tempozurücknahme verfallen; ein bisschen russisch eben. Das Orchester erklingt grandios flächig, der Dialog mit den Celli, Fagotten, der Klarinette, Flöte oder Oboe trägt zum Hörvergnügen bei. Endungen singt Kissin wunderbar aus. Sein technischer Automatismus ist auf Draht. Fehler erlaubt er sich nie! In der Kadenz staffelt er die Akkordtürme in bitterem Ernst, sprengt dabei dynamisch die Möglichkeiten, die dem Komponisten seinerzeit zur Verfügung standen. Beim sich anschließenden Largo sollte der Kritiker lieber schweigen, so schön war es. Das Rondo-Allegro nimmt der genial auftrumpfende Spieler nicht zu rasch. Deklamiert es durch und zieht die Sechzehntelläufe wie an einer Perlenkette auf. Bemerkenswert, dass ihm selbst nach 2 Stunden nicht die Kondition versagt. Ein Teufelskerl.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Beethoven klavierkonzerte: Lucerne Festival Piano 2004

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Sir Neville Marriner (Dirigent), Chamber Orchestra of Europe (Orchester), Evgeny Kissin (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Lucerne Festival

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