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Montag, 3. August 2020

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

25 Jahre Konzerthaus Berlin: Teil 2/5

Festliche Eröffnung

Das Konzerthaus Berlin eröffnete die viertägigen Feierlichkeiten zu seinem 25jährigen Bestehen mit einem großen Festkonzert. Es ist ja schon fast zur Misstrauen erregenden Formel von Festreden geronnen, dass sich hier und da (bzw.: hier und heute) Altes und Neues begegnen, aber wenn man diese Formel mit Leben und einem feierlichen Puls füllen will, dann mit Konzertprogrammen wie diesem: mit einer Uraufführung und Beethovens Neunter Sinfonie d-Moll op. 125.

Erstmals zu hören war Friedrich Goldmanns Werk 'Quasi una sinfonia', das vom Konzerthaus in Auftrag gegeben worden war. Goldmann, der im gerade vergangenen Sommer verstorben ist, war in seiner künstlerischen, und damit auch politischen Biographie dem Konzerthaus verbunden und arbeitete am kulturellen Brückenschlag im wiedervereinten Berlin, der dem politischen folgte und folgen musste. 'Quasi una sinfonia', Goldmanns letztes vollendetes Werk, betont die Form und ihre Verbindlichkeit, und steht so zugleich mit Beethovens und gegen dessen Sonatenüberschrift ?quasi una fantasia?, sowie gegen das zeitgenössischere ?anything goes?, das man nicht mehr über Sonaten zu schreiben braucht.

Einer symmetrischen Architektur folgend baute sich das kunstvolle Flechtwerk ineinander fließender Klangfarben auf und wieder ab. Die sehr klare Leitung Lothar Zagroseks zeigte diese Formbetonung, wobei die Musiker des Konzerthausorchesters in diesem kühlen Gedanken nicht die sinnliche Kraft des durchgeformten Klangs aus den Augen verloren. Das Werk machte den Eindruck eines raum- und zeitlosen white cube, in dem die gewählten Möglichkeiten klare Konturen aufscheinen lassen. Allerdings trat auch Menschliches deutlich in diesen Raum, was gerade bei abstrakt-kühler zeitgenössischer Kunst fast eine Seltenheit ist. Nicht nur die jederzeit handhabbare Interpretation, bei der ein Orchester als Welt im Kleinen erscheint und so immer das Menschliche in den Mittelpunkt gerückt werden kann, schien hier gelegen: die menschliche Stimme hatte selbst einen dezenten Auftritt. Gegen den Schluss des Werkes erschien zweimal ein gesungener Ton, von dem man lange nicht wusste, wie und woher er kam; bis hierhin hatte das Orchester ja schon vielfältigste Farben präsentiert, und auch ein Synthesizer gehörte zur Besetzung. Der leise Gesang war so im Ohr des Hörers erst ein Instrument unter vielen, und wurde erst nach und nach zu den Stimmen von Individuen. 'Quasi una sinfonia' hat einen leisen, offenen Schluss; dennoch scheint es ein Werk von aufklärerischem Formbewusstsein, in dessen Skepsis die Feier des Menschen grundlegend enthalten ist.

So gab das Werk auch abseits des formalen Anspielungsreichtums einen geradezu inhaltlichen Faden zu Beethovens Neunter, in deren Deutung immer wieder entsprechende Philosopheme eingebunden werden. Die Interpretation der Neunten wurde natürlich nicht zum Ort des Wagnisses. Gemessenheit, ein feierliches Mittel und ein Streben nach Klassizität gehörten mit zum Tenor des Tages. Dennoch wurde keine spannungslose Repräsentation geboten. Das Orchester strahlte von Anfang bis Ende große Wachheit und Energie aus, und gebannt ließ sich die Entfaltung des weiträumigen und großen Prozesses verfolgen. Der vulkanische Beginn des zweiten Satzes hätte vielleicht etwas mehr Zug und einen schlankeren Streicherklang vertragen, auch hatten die Holzbläser im Aufbrodeln des großen Apparats zuweilen Durchsetzungsschwierigkeiten ? aber diesen einzelnen Kritikpunkten stand mehr Gelungenes gegenüber (im zweiten Satz etwa sehr schöne Soli von Horn und Oboe).

Die Stille im Raum wurde gewahrt als vor dem dritten Satz die Sängersolisten auf die Bühne kamen (Johan Reuter, Bass; Frank van Aken, Tenor; Claudia Mahnke, Alt; und Fionnuala McCarthy, Sopran, die eingesprungen war). Das Finale zu Schillers Worten, mit dem diese Symphonie ebenso stark und fast ausschließlich identifiziert wird, wie die Fünfte mit ihrem Kopfsatz, konnte mit dem NDR Chor und dem Prager Philharmonischen Chor seine grandezza entfalten ? auch wenn man sich, wie stets, fragen kann, ob diesem Pathos überhaupt akustische Mittel entsprechen können. Reuter und van Aken standen anfangs rhythmisch nicht ganz sicher mit dem Orchester zusammen, aber im Laufe des riesigen Schlusssatzes, spätestens ab dem Siegesmarsch über den anspielungsreichen Vers 'Froh, wie seine Sonnen fliegen' fügten sich die Musiker zu einem großen Organismus.

Beethovens Neunte salbt so manche Festveranstaltung, aber das Berliner Konzerthaus hat hier eine Tradition in der Tradition. Wenn Sie hierzu und zum Jubiläum des Konzerthauses mehr lesen möchten, finden Sie in der Rubrik 'Klassik-Blog' weitere Ausführungen.

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Kritik von Tobias Roth



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Goldmann; Beethoven: 25 Jahre Konzerthaus

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Lothar Zagrosek (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Johan Reuter (Solist Gesang), Frank van Aken (Solist Gesang), Claudia Mahnke (Solist Gesang), Fionnuala McCarthy (Solist Gesang)

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