> > > > > 02.10.2009
Mittwoch, 21. August 2019

Rossinis 'Moisè in Egitto' in Zürich

Plagenreiche Regie

Jürgen Flimms zeitlose Inszenierung von Rossinis 'Moïse et Pharaon' bei den Salzburger Festspielen zählte zu den mit äußerster Häme verrissenen Produktionen des diesjährigen Festivalsommers: Flimm habe das Werk ideenlos, statisch und unästhetisch auf die Bühne des großen Festspielhauses gebracht, lauteten die Hauptvorwürfe der Kritiker. Wenige Wochen nach dieser Premiere widmet sich nun das Opernhaus Zürich 'Moisè in Egitto', der 1818 in Neapel uraufgeführten italienischen Fassung des Werks, und demonstriert, wie destruktiv eine „zeitgemäße“ Auslegung des alttestamentarischen Stoffs sein kann.

Moshe Leisers und Patrice Caurier machen gleich zu Beginn klar, dass sie vor gravierenden Eingriffen in die Handlung nicht zurückschrecken und transformieren die siebentägige Finsternis in einen rabenschwarzen Tag für die Börse in Kairo. Moisè betritt als religiöser Fundamentalist à la Bin Laden die Bühne und spricht seine Forderungen in die Fernsehkamera einer Live-Sendung. Anders als im alten Testament hat in der Oper der Sohn des Pharao Osiride gute Gründe, das israelitische Volk nicht ziehen zu lassen, da er heimlich mit Elcia liiert ist. Leiser und Caurier nehmen diese Konstellation zum Anlass, die Geschichte auf kleinbürgerliche Dimensionen herunterzufahren.

Der Palast des Pharao mutiert zur Designer-Einbauküche, die Auseinadersetzung mit Moisè geht in einer Tiefgarage über die Bühne. Und natürlich dürfen auch Anspielungen auf Guantanamo und das Bagdader Gefängnis Abu Ghraib nicht fehlen, wenn Moisè als Gefangener vor die königliche Gesellschaft gezerrt wird. Erreicht wird mit diesem Regiekonzept nichts; außer einem permanenten Ablenken von der Musik, wobei dem Zuschauer durch den Naturalismus von Christian Fenoulliats Bühnenbildern auch die Möglichkeit genommen wird, seine eigene Vorstellungskraft einzusetzen. Die größte Hürde für jede Inszenierung des Werks stellt das Finale dar, bei dem sich das Meer auf Moses Geheiß teilt, bevor es über den ägyptischen Truppen wieder zusammenschlägt. Bei der Uraufführung soll die Szene für ungewollte Heiterkeit gesorgt haben, Leiser und Caurier machen es sich leicht und lassen die Israeliten lediglich in der Unterbühne verschwinden, während sich ein mit Wellen bemalter Kulissenteil herabsenkt.

Die musikalische Seite hinterlässt einen besseren Eindruck, zu einer geschlossenen Leistung findet das Ensemble aber nicht. Der Mexikaner Javier Camarena ist für den Osiride eine Idealbesetzung. Sein Tenor ist in allen Lagen flexibel, das obere Register besitzt eine brillante Leucht- und Durchschlagskraft. Die Belcantoszene scheint mit diesem Künstler jedenfalls um eine erste Kraft reicher zu sein. Michele Pertusi konnte als Pharao nicht die Frage aus dem Weg räumen, ob er die beste Zeit seiner Karriere nicht schon hinter sich hat. Sein an sich nobler aber eher kleiner Bass wirkt vielfach kurzatmig und rau, die Tiefe unergiebiger denn je.

So war die vokale Autorität des Abends Erwin Schrott in der Titelrolle, deren Anforderungen er mit seinem beweglichen Bass problemlos erfüllt. Einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt er dennoch nicht, dafür fehlt es seinem Vortrag an Intensität und seinem Bass an spezifischen Farben. Eva Mei ist als Elcia eine Enttäuschung, da die Mittellage substanzlos geworden ist und die durchschlagskräftige Höhe durch ihre Schärfe irritiert.

Für die Qualität des hauseigenen Ensembles sprechen Sen Guo als Amaltea und Reinaldo Macias. Paolo Carignani hat mit dem Orchester eine rhythmisch prägnante Interpretation erarbeitet, bei der neben den schnittig gesteigerten Crescendi auch die Instrumentalsoli gut zu Geltung kommen. Allerdings läuft ihm die Lautstärke immer wieder aus dem Ruder worunter vor allem Pertusi zu leiden hatte.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Rossini: 'Moisè in Egitto': Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Paolo Carignani (Dirigent), Moshe Leiser (Inszenierung), Reinaldo Macias (Solist Gesang), Eva Mei (Solist Gesang), Erwin Schrott (Solist Gesang), Michele Pertusi (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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