> > > > > 03.09.2009
Montag, 21. Oktober 2019

Mariss Jansons, Quelle: Bay. Rundfunk, (C) Georg Thum

Mariss Jansons und das Concertgebouworkest

Bergfest in Finnland und Frankreich

Das 16. von 32 Sinfoniekonzerten beim Lucerne Festival im Sommer 2009 bot mit dem Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam und seinem derzeitigen Chefdirigenten Mariss Jansons einen berühmten Klangkörper mit einem ebenfalls sehr bekannten Orchesterleiter auf. 2008 wurde das Concertgebouworkest vom britischen Magazin Gramophone sogar zum besten Orchester der Welt gekürt. Ohne ein solches Urteil fällen zu können beziehungsweise zu wollen, fällt es mir persönlich doch sehr leicht, dieses 16. Sinfoniekonzert im KKL Luzern, bei dem Werke von Jean Sibelius, Henri Duparc und Maurice Ravel auf dem Programm standen, als ein Ereignis zu bezeichnen, das im Grunde nur gefeiert werden kann.

Sicher hätte man in der Ersten Sinfonie in e-Moll op. 39 von Sibelius die leichte Vernachlässigung der Celli und Kontrabässe gegenüber den Violinen und Bratschen beanstanden können. Auch dass Jansons im Kopfsatz kein 'Allegro energico', sondern ein beinahe schleppendes Allegro vorgab, ließe sich noch auf der Negativseite anführen, das war es dann aber schon. Bereits die Klarinetten-Kantilene zu Beginn der das Konzert eröffnenden Sinfonie wurde von Jacques Meertens mit so viel Phrasierungskunst und Zäsurenbewusstsein geblasen, dass im Publikum auch noch der kleinste Rest von Geräusch verschwand. Blieb das Orchestertutti in der e -Moll-Sinfonie insgesamt noch etwas verschwommen, so fehlte es doch nicht an Glanzpunkten. Die im ersten Satz zum Ende der Exposition beziehungsweise zur Coda hinführende Steigerung etwa habe ich mit ihren Sforzati selten so klar und packend gehört. Würde man an diesem Abend eine Instrumentengruppe besonders hervorheben wollen, so hätten es in der Sibelius-Sinfonie die Violinen sein müssen. Vor allem die Wiederholung des Gesangsthemas im Finale in hoher Lage bot hier eine dankbare Gelegenheit, um den satten, seidig warm getönten Saitenklang zu entfalten. Es muss als Musiker aber auch schwer fallen, in solchen Momenten Jansons' motivierendem 'Und jetzt alle!'-Gesichtsausdruck zu widerstehen und nicht sein Bestes zu geben. Überhaupt strahlten der aus Riga stammende Dirigent und sein Orchester eine Zuversicht aus, die selbst im fatal ausufernden und resignativ endenden Finale ihre Wirkung nicht verfehlte.

Dass sich das Spezialgebiet des Koninklijk Concertgebouworkest nicht auf große Sinfonien des ausgehenden 19. Jahrhunderts beschränkt, wurde dann in der zweiten Konzerthälfte deutlich. Henri Duparcs fünf Orchesterlieder, vorgetragen von der tschechischen Mezzo-Sopranistin Magdalena Kožená, sind nicht nur Beispiele dafür, wie man Klavierlieder einer raffinierten Instrumentation unterzieht, sondern bilden auch in harmonischer und melodischer Hinsicht eine Bereicherung des Repertoires. Kožená gestaltete die mäandernden Gesangslinien dieser atmosphärisch dichten Miniaturen hochdifferenziert und beeindruckte durch ihre betörende Mittellage, während sie die lauten Zentraltöne zwar geschickt vorbereitete, diese selbst aber ein klein wenig zu grell von sich gab. Gleichwohl empfing die vielseitige Sängerin nach ihren Interpretationen herzlicher Applaus, den sie mit einer ebenfalls französischsprachigen Zugabe belohnte.

Der eigentliche Star des Abends aber war das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam unter Jansons, das stand spätestens nach der Wiedergabe der Suite Nr. 2 aus der Ballettmusik zu Ravels 'Daphnis et Chloé' fest. Das Orchester spielte sich im 'Danse générale' in einen kontrollierten Taumel aus Klangfarbenwechseln und rhythmischen Verschiebungen, der anschließend Begeisterungsstürme auslöste. Für die Zugabe blieben Jansons und das Orchester aus Amsterdam in Frankreich: Claude Debussys 'Clair de lune' aus der 'Suite bergamasque' erklang in einer Orchesterversion und entließ das Publikum ins nächtliche Luzern.

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