> > > > > 01.05.2003
Freitag, 7. August 2020

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

'Die Walküre? und der ?Siegfried? in Dresden

Zwischen allen Stühlen

Was ist nicht alles über den ?Ring des Nibelungen? geschrieben, erzählt und gezeigt worden. Wohl kaum eine andere Oper des 19. Jahrhunderts hat die Regisseure und Musikdirektoren so intensiv beschäftigt, wie jene berühmte Tetralogie Richard Wagners. Auch die Dresdner Semperoper hat sich des gesamten Ringes angenommen und will diesen bis 2004 erstmals seit dem zweiten Weltkrieg komplett auf die Bühne gebracht haben ? in der Regie von Willy Decker. Nach dem das ?Rheingold? vor zwei Jahren schon wenig Aufsehen erregend über die Bretter ging, kann man gleiches getrost von der ?Walküre? und dem ?Siegfried? behaupten, zumindest was die Regiearbeit Deckers betrifft. Einfallsarm, schlicht, teilweise bieder mutet das an, was auf der Bühne geschieht. Decker, seinem ?Stühle-Konzept? treu bleibend, lässt die Handlung (vor allem noch in der ?Walküre?) zwischen menschenleeren Zuschauerräumen stattfinden. Er will so vermitteln, dass die Story vor allem ein von Wotan inszeniertes und gelenktes Spiel ist, das dieser mal aus dem künstlichen Zuschauerraum heraus, mal als Teil der Bühne erlebt und beeinflusst. Ein bis dahin nachvollziehbarer Ansatz, der sich leider ebenso schnell auch wieder erschöpft, weil der Rest mehr oder minder der Versuch ist, die Wagnerschen Regieanweisungen, die ja nun wahrlich nicht detailarm vorliegen, umzusetzen, ohne nach neuen Deutungssätzen des Stoffes zu suchen, oder gar eine eigene Note zu hinterlassen ? von den permanent präsenten, auch als Schlag- und Wurfgegenstände genutzten Stühlen einmal abgesehen. Musiktheater im wörtlichen Sinne, mit einer deutlichen Betonung des Theateraspekts sähe jedenfalls anders aus. Gott sei Dank, dass da die durchweg guten Sänger und die Staatskapelle Dresden für so manche regietechnische Unausgereiftheit durchaus entschädigen. Der krankheitsbedingte Ausfall Michael Boders am 01. Mai (Walküre) macht einen interessanten Interpretationsvergleich zwischen seinem ?Ersatz? Lothar Zagrosek und ihm selbst zu einer lohnenden Aufgabe. Zagrosek, seit Jahren überaus erfolgreich und ?Ring?- erfahren am Stuttgarter Opernhaus, legt ungemein viel Wert auf dynamische Differenzierungen und peinlichst genaue Umsetzung der umfangreichen Ausführungsanweisungen Richard Wagners, die teilweise kaum technisch spielbar sind. So schafft er zum einen eine unerhörte Klangfarbenvielfalt und Effektreichhaltigkeit, zum anderen ermöglicht er so den Sängern ein gemeinsames agieren mit und nicht, wie so häufig anderorts zu hören, gegen das massiv besetzte Orchester. Das hat zum Teil liedhafte Züge und ist Beweis eines hohen ästhetischen Verständnisses. Da kann man gut verkraften, dass speziell die extremen Pianissimi manchen Bläser im Orchester die spieltechnischen Grenzen aufzeigen. Vor allem die Holzbläser begeistern mit einem klanglich traumhaft warmen und homogenen, stimmlich gut ausbalancierten Satz. Christian Franz als Siegmund ist das wohl unbestrittene Gesangshighlight der ?Walküre?. Nach kurzer Aufwärmphase besticht er nicht nur durch sichere Technik und einwandfreie Intonation, sondern auch mit einer überzeugenden, individuellen Rollengestaltung und einer Bühnenpräsenz, der man sich nur schwer als Hörer entziehen kann. Evelyn Herlitzius als Sieglinde, wie auch Deborah Polaski als Brünnhilde fallen dagegen ein wenig ab; vor allem wegen ihrer wenig beweglichen, sehr hellen Stimmtimbres, die in hohen Lagen schnell metallen kreischend klingen und dadurch so manche intonatorische Schwäche offenbaren, von einer teilweise mangelhaften Textverständlichkeit einmal ganz zu schweigen. Warum bei Polaski (auch im ?Siegfried?) das Wort Liebe in hoher Lage prinzipiell mit einem ?a? statt mit einem ?i? gesungen wird, kann wohl nur technische Gründe haben. Iris Vermillion als Fricka hat beim Publikum zwar ein Heimspiel, ist stimmlich für diese Rolle trotz der fast kammermusikalischen Begleitung durch Zagrosek etwas zu ?dünnbrüstig?. Solide, wenn auch mit auffällig viel Vibrato agiert Kurt Rydl als Hundig in der ?Walküre?, ebenso wie im ?Siegfried? als Fafner. Eine wahre Entdeckung ? obwohl er schon seit einiger Zeit als Geheimtipp gilt ? ist der junge Finne Jukka Rasilainen als Wotan, der seine Rolle abwechslungsreich, mit viel Innenspannung und großer Farbenvielfalt (vor allem im ?Siegfried?) auszugestalten weiß. Das ihm noch der ein oder andere Textpatzer unterläuft, scheint ob des Umfangs der Rolle problemlos entschuldbar. Pünktlich zum ?Siegfried? am 04. Mai ist Michael Boder, der für die Märzpremiere eben dieses Stückes viel Lob von der nationalen Presse einheimste, wieder zurück am Dirigentenpult. Selbst wenn man berücksichtigt, dass zwischen den Entstehungszeiten der ?Walküre? und des ?Siegfried? viele Jahre lagen und Wagner mit dem Orchesterapparat in letzterem wesentlich grober umgeht, ist doch unüberhörbar, dass Boder noch auf etwas unsicheren Füßen steht. Er konzentriert sich ? verglichen mit Zagrosek ? vor allem auf das Organisieren der vielen Orchesterstimmen und verliert dabei ein ums andere mal die Musik aus den Augen. Zwar agiert vor allem das Blech im ?Siegfried? wesentlich sicherer als noch wenige Tage zuvor, und doch fehlt dem Gesamtklang das gewisse Etwas. Zu gleichförmig gestaltet Boder die Klangfarben, zu unausgewogen präsentiert sich sein dynamisches Konzept. Dass die Staatskapelle überaus laut spielen kann, wird eindrucksvoll, wenn auch mit einem Hang zum vulgären, demonstriert. Ein wohl austangiertes, homogenes Piano oder gar Pianissimo sucht man bei Streichern wie bei Bläsern leider vergeblich. Hier sind zweifelsfrei noch Reserven, die es zukünftig für Boder gilt abzurufen, will er seinen steilen internationalen Aufstieg fortsetzen. Hinzu kommen leider auch etliche Probleme beim orchestralen Zusammenspiel, vor allem am Ende des ersten und zweiten Aktes. Alfons Eberz als Siegfried ist ein guter Handwerke im positiven Sinne. Er demonstriert, dass er über das Rüstzeug verfügt, einen intonatorisch sicheren Siegfried zu präsentieren. Seine Stimme ist auch in extremen Höhenlagen angenehm warm und voll, klingt jederzeit kontrolliert. In der Mittellage hat er gegen den massiven Orchesterklang kaum eine Chance, was aber auch für den stimmgewaltigen Rasilainen gelten muss und ein klares Versäumnis Michael Boders ist. Einzig Eberz Bühnenpräsenz lässt noch ein paar Wünsche offen. So wirkt er etwas steif in seinen Bewegungen und genießt augenscheinlich die Momente in denen er einfach nur stehend singen darf. Auch wünscht man sich seinen ?Siegfried? ein ums andere mal etwas heldenhafter, rhythmisch exakter, mit mehr drive gesungen. Robert Wörle als ?Mime? bietet die schauspielerisch ansprechendste Leistung und kann zugleich als sehr guter Sänger einmal mehr überzeugen. Er ist ein routinierter ?Mime? im positiven Sinne. Bleiben Hartmut Welker als Alberich, Christiane Hossfeld als Waldvogel und Birgit Remmert als Erda, die ihre kurzen Rollen technisch und musikalisch einwandfrei, in Remmerts Fall auch mit großer Aura und angenehm dunkler, tragfähiger Tonfärbung gestalten. So steht am Ende zweier langer Opernabende und einem beide male begeisterten Publikum ein etwas zwiespältiger Gesamteindruck. Die musikalischen Leistungen können, trotz all der kleinen Ungereimtheiten, im großen und ganzen überzeugen, auch wenn man sich Lothar Zagrosek für die anstehende ?Götterdämmerung? lieber wünscht als Michael Boder, für den Wagners Ring in all seinen Facetten noch eine Nummer zu groß zu sein scheint. Und die Regie Willy Deckers sitzt ein wenig zwischen allen Stühlen. Denn sein ?Stuhlkonzept? hat sich spätestens zur Hälfte des ?Siegfrieds? entgültig erschöpft. Was im wohl zur ?Götterdämmerung? noch einfallen wird? Vermutlich wird es auch mit Sitzmöbeln zu tun haben. Warten wir es ab.


Zwischen allen Stühlen
Stig Andersen (Siegfried), Linda Watson (Brünnhilde) Linda Watson (Brünnhilde) Michaela Schuster (Waltraute), Linda Watson (Brünnhilde)

Klicken Sie auf ein Bild von Zwischen allen Stühlen, um die Fotostrecke zu starten (22 Bilder).

Kritik von Frank Bayer



Kontakt zur Redaktion


Zwischen allen Stühlen: 'Die Walküre? und der ?Siegfried? in Dresden

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Michael Boder (Dirigent), Staatskapelle Dresden (Orchester), Willy Decker (Regie), Jukka Rasilainen (Solist Gesang), Alfred Ebertz (Solist Gesang), Hartmut Welker (Solist Gesang), Christiane Hossfeld (Solist Gesang), Birgit Remmert (Solist Gesang), Robert Wörle (Solist Gesang), Kurt Rydl (Solist Gesang), Iris Vermillion (Solist Gesang), Deborah Polaski (Solist Gesang), Christian Franz (Solist Gesang), Evelyn Herlitzius (Solist Gesang), Lothar Zagrosek (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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