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Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Haitinks letzte Konzerte Dresdner Chefdirigent

Abschied von Dresden – Erster Teil

Früher als einmal geplant endet nun die Zusammenarbeit zwischen der Sächsischen Staatskapelle Dresden und ihrem Chefdirigenten Bernard Haitink. Dieser hatte 2002 nach dem überraschenden Tod seines Vorgängers, Giuseppe Sinopoli, das Orchester interimsmäßig übernommen und zugesagt, auch bei der Suche nach einem Nachfolger zu helfen. Doch gerade über diese Frage kam es zu Unstimmigkeiten zwischen dem Maestro und der Kapelle. Diese hat nämlich Fabio Luisi als neuen Chefdirigenten ab der Saison 2007/08 gewählt, was offensichtlich zu Irritationen zwischen Haitink und seinem Orchester führte. Über die genaueren Vorgänge und Hintergründe kursieren einige Gerüchte, genaueres ist jedoch nicht zu erfahren. Die Staatskapelle hat sich in einer aktuellen Pressemeldung für Haitinks Wirken der letzten Jahre noch einmal eigens bedankt und spricht davon, dass man unter ihm den internationalen Ruf hatte ausbauen können. Und es wären ‘wundervolle Abende’ des gemeinsamen Musizierens gewesen, ‘geprägt von außergewöhnlich tiefem gemeinsamem musikalischem Empfinden zwischen Dirigent und Orchester’.
Bernard Haitink ist derzeit mit zwei Programmen, die zuvor je einmal in der Semperoper auch für das Dresdner Publikum erklangen, mit dem Orchester auf Tournee nach Amsterdam, Birmingham, London, Zürich und Wien unterwegs. Es sind (vorerst?) die letzten Konzerte Haitinks mit der Staatskapelle; auch ursprünglich einmal angedachte Operndirigate in der Semperoper (von ‚Capriccio’, ‚Walküre’ und ‚Figaro’ war die Rede gewesen) werden nicht mehr stattfinden. – Ein großer Verlust für Dresdens Musikszene, die in den Haitink-Konzerten – nicht nur der letzten beiden Jahre – immer wieder deutliche Höhepunkte hatte.

Wie der Zufall so spielt, stand auch auf dem ersten, schon seit längerem geplanten, Tourneeprogramm, das nun zum Beginn von Haitinks letzten Konzertauftritten in Dresden wurde, Carl Maria von Webers ‚Oberon’-Ouvertüre. Jenes Stück also, mit dem der Maestro im September 2002 seinen Posten mit einem Maßstäbe setzenden Konzert angetreten hatte (und das mittlerweile in Auszügen auch auf CD vorliegt). Wie schon vor gut zwei Jahren, so war es auch diesmal eine Stückwahl, in der die großen Tugenden des Orchesters in nuce zum Tragen kamen: Die Fähigkeit zu feinsten dynamischen Abstufungen, der satte, warme Streicherklang und die hervorragenden Bläsersolisten. Das bekannte Hornmotiv zu Beginn wird mit großer Wärme intoniert, perlende Bläsereinwürfe kommen hinzu, um plötzlich in einem explodierenden Tutti des Orchesters zu münden. Mit warmem Ton wird die Klarinettenmelodie intoniert, um empfindsam von den Streichern aufgenommen um weiterentwickelt zu werden. Geradezu meisterhaft wie Haitink dabei den Ton schlank hält, wie er mit kleinen Crescendi und Riterdandi die Musik lebendig hält und dann immer wieder beschleunigt. Die Entwicklung vom ruhigen Einleitungsteil bis hin zur intensiven Steigerung des agitato-Teils ist mitreißend ohne dabei auf billige Effekte zu setzen. Das Stück wird zur erzählenden Konzertouvertüre, in seiner atmosphärischen Vielfalt nahe an einer Tondichtung.

Mit dem - neben demjenigen von Beethovens fünfter Sinfonie - wohl bekanntesten Beginn eines Orchesterstückes folgt das nächste Werk des Abends: Richard Strauss’ Tondichtung ‚Also sprach Zarathustra’. Von Stanley Kubricks Filmklassiker ‚2001 – A Space Odyseey’ bis hin zur Bierwerbung sind diese zwei Minuten entfremdet worden und oftmals kann das Konzerterlebnis den Hörerwartungen nicht mehr gerecht werden. Doch anders bei Haitink, der den vibrierenden Orgelpunkt, die folgenden Trompetenfanfaren und das stampfende Orchester strahlend - aber ohne Pathos - modelliert. Hier, wie in der folgenden halben Stunde, hat man ungeachtet der monumentalen Orchesterbesetzung immer wieder den Eindruck Kammermusik zu lauschen, so deutlich gegliedert ist das Material, so aufeinander abgestimmt sind die einzelnen Stimmen. Man hört aufeinander im Orchester, steigert sich nicht, wie noch unter Sinopoli, zu orgiastischen Klangexzessen vollster Dynamik. Die Innenspannung entsteht hier vielmehr durch ein kammermusikalisches Verständnis - dieser Modeterminus sei hier erlaubt – welches unter Haitink zu großer Expressivität getrieben wird, ohne dabei den dynamischen Spannungsbogen zu vernachlässigen. Selbst in den klanggewaltigsten Passagen sind noch alle Stimmen, bis hin zu den Kontrabässen, deutlich von einander zu unterscheiden. Selten haben Richard Strauss’ geteilte Streicher soviel Sinn gemacht wie in dieser von Transparenz bestimmten Interpretation.
In den Streicherschichtungen dieses 1896 uraufgeführten Werkes entdeckt Haitink bereits Vorklänge der Straussschen ‚Metamorphosen’ von 1945. Die Solostreicher – allen voran Kai Vogler an der Violine – leisten vorzügliches in Gestaltung und Zusammenspiel. Auch hier wird deutlich, wieso die Sächsische Staatskapelle eines der führenden Strauss-Orchester ist. Hinzu kommt Haitinks Fähigkeit die episodenhafte Struktur der Tondichtung offen zu legen. Mit großen, runden Bewegungen des Körpers scheint er sich immer wieder geradezu in die Musik hinein zu legen. Tempo- und Stimmungswechsel werden mit der gesamten Körpersprache angezeigt und trotz aller dominierenden Souveränität ist er ein mitatmender Teil der Musiker.

Das Programm wird von Beethovens siebter Sinfonie beschlossen, in einer Lesart die mit beeindruckender Konsequenz die mannigfaltigen Deutungsansätze des 19. Jahrhunderts, die von patriotischen Erklärungsmustern bis hin zu Richard Wagners Diktum einer ‚Apotheose des Tanzes’ reichen, hinter sich lässt. Haitink setzt dem eine Dramaturgie der konsequenten Intensivierung entgegen, die einen Spannungsbogen von der punktierten Figur im 6/8-Takt, den wie Schlägen daherkommenden Streicherakkorden und den lebendig-stampfenden Paukenschlägen des Kopfsatzes bis hin zur unerbittlichen Konsequenz der energischen Tutti des Finalsatzes schlägt. Ein über gut vierzig Minuten hinweg durchgehaltenes emotionales Crescendo, das seines gleichen sucht. Dabei bleiben die Proportionen ebenso stimmig, wie ruhigere Binnenpassagen dem Gesamtgeschehen überzeugend eingegliedert werden. Im zweiten Satz etwa, wenn sich die kanonartigen Streichereinsätze fast unmerklich zum Tutti steigern und dabei die Gleichzeitigkeit des Geschehens in den einzelnen Orchesterteilen nicht nur hörbar bleibt, sondern zur Zuspitzung des musikalischen Geschehens mit beiträgt. Oder wenn sich aus dem rasanten Beginn des dritten Satzes die Holzbläser lösen und über dem rhythmisch markanten Streichermotiv ein ungeahntes Eigenleben entwickeln. Laut-leise-Kontraste und kleine Tempovariationen sorgen für Spannung und zeigen, dass zwischen Leichtigkeit und Dramatik oft nur ein schmaler Grat besteht.

Der für Dresden ungewöhnlich starke Jubel des Publikums am Ende, der rasch in standing ovations mündete, ist nicht nur Ausdruck der Begeisterung über einen außergewöhnlichen Konzertabend, sondern auch der mit demonstrativem Nachdruck geäußerte Wunsch, den sichtlich gerührten Bernard Haitink, trotz aller Differenzen, bald wieder in Dresden erleben zu dürfen.

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle: Weber, Strauss, Beethoven - Haitink

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Carl Maria von Weber, Richard Strauss, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Bernard Haitink (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Kai Vogler (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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