> > > > > 18.07.2009
Donnerstag, 18. August 2022

Eröffnung Menuhin Festival 2009

Grimaud in Gstaad

Zweiter Tag der Eröffnung des Menuhin-Festivals 2009 im schweizerischen Alpendorf Gstaad: Trotz Absage ihrer Auftritte beim Verbier Festival findet das Solorecital Hélène Grimauds hier wie geplant statt, und das angereiste Publikum strömt neugierig in die Dorfkirche Saanen mit ihren schönen Freskomalereien und der auch für Kammermusik perfekten Akustik. Am Ende dieses Klavierabends mit anspruchsvollem Bach-Programm und einer Beethovensonate wird es Standing Ovations für die in weiß gekleidete französische Pianistin geben, die sich mit zwei Zugaben bedankt. Die ebenfalls angereiste Kritikerschar ist in ihren Ansichten insgesamt eher gespalten. Wie auch immer man zu Grimauds Interpretation ausgewählter Präludien und Fugen Johann Sebastian Bachs aus dem Wohltemperierten Klavier steht, dass sie einen nicht gleichgültig lässt, sogar polarisierend wirkt, kann man festhalten.

Anerkennen muss man in jedem Fall Kraft und Elan ihres Vortrages. Wie um ihrem Image als zartgliedrige femme fragile zu spotten, hämmerte Grimaud vor allem in Ferruccio Busonis Bearbeitung der d-Moll-Chaconne aus der ursprünglich für Violine solo geschriebenen Partita BWV 1004 nicht gerade zurückhaltend auf die Tasten ihres Flügels ein. Hätte sie auf einem Hammerklavier oder Cembalo gespielt, wäre beides wohl nach der Hälfte des Abends entzwei gebrochen. Das soll nicht heißen, dass ihr Zugang nicht durchdacht gewesen wäre, im Gegenteil. Einige empfanden ihre Bach-Interpretation sogar als zu verkopft, zu intellektuell, zu wenig mit Herz gespielt. Gleichwohl schien das auf Grimauds Zustand selbst nicht zuzutreffen, denn ihr emphatisches Atmen und Mitsummen a la Glenn Gould hörte man teils selbst während der lautesten Passagen.

Fehlende Emotionalität hin oder her, der eigentliche Problempunkt von Grimauds Bach-, nicht jedoch des Beethovenvortrages, liegt in dem offensichtlichen Anachronismus den dieser darstellt. Interpretationsgeschichtlich fällt sie hinter die Errungenschaften der letzten 40 bis 50 Jahre zurück. Das Schlagwort 'romantisierend' trifft es eigentlich ziemlich genau und scheint doch noch untertrieben. Was übermäßigen Pedaleinsatz, Breite der Phrasierung, Härte des Anschlags und unbesorgte Zurschaustellung von Virtuosität betrifft, war das ein Bachvortrag, von dem Verfechter der sogenannten historischen Aufführungspraxis wahrscheinlich entsetzt gewesen wären. Natürlich kann man argumentieren, die Bearbeitung des E-Dur Präludiums BWV 1006 stamme von Sergej Rachmaninow und die von Präludium und Fuge in a-Moll BWV 543 von Franz Liszt, der Name Busoni ist oben schon gefallen. Insofern war Grimauds im Schatten der Tradition des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts stehendes Spiel durch die Bearbeiter respektive Vorbilder in seiner Legitimität abgesichert. Und die in ungebremster Dynamik donnernden Akkordketten beeindruckten dann auch, selbst wenn Grimauds Temporausch sich bei aller Geläufigkeit manchmal negativ auf die strukturelle Deutlichkeit auswirkte. Nur spielte sie die Original-Präludien und Fugen von c-Moll bis d-Moll und in E-Dur ganz genauso, als gebe es zwischen Johann Sebastian Bach und Franz Liszt nicht den geringsten Unterschied. Und diese mangelnde historische Differenziertheit bildete in ihrer Offensichtlichkeit doch einen Schwachpunkt. Es sei denn, man sollte das als Kampfansage an die historische Aufführungspraxis verstehen, in letzter Konsequenz hätte das dann wieder Sinn ergeben.

Absolut nichts Zweifelhaftes gab es hingegen bei Grimauds Deutung von Beethovens später Klaviersonate in E-Dur op. 109. Insbesondere der bis ins letzte Detail durchschaute, wunderschöne finale Variationensatz, erklang unter ihren Händen von Anfang bis Ende geradezu vollendet. Ob die sich ruhig aussingende Oberstimme der ersten Variation, der durchbrochene Rhythmus der zweiten, die scherzoartigen Staccati der dritten, die 'für sich selber redende Floskel' (Adorno) in der vierten, die Kontrapunktik der fünften oder die selbst wieder als große Steigerung gestalteten, ineinander übergehenden Mikrovariationen der sechsten Variation, Grimauds expressiver wie überlegter Zugang wusste mehr als für sich einzunehmen. Dies nicht zuletzt, weil ihre Virtuosität hier ganz im Nachvollzug des musikalischen Verlaufs, der Arbeit am Werk aufging und ihr persönlicher Ansatz im Gegensatz zu den Bach-Stücken ganz einfach funktionierte und nicht so klang, als hätten das ganze Generationen von Interpreten vor ihr schon genauso gespielt.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Kammermusikfest Gstaad: Hélène Grimaud Klavierabend

Ort: Mauritius-Kirche,

Werke von: Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Hélène Grimaud (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Menuhin Festival

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