> > > > > 17.07.2009
Samstag, 18. August 2018

Menuhin Festival 2009 in Gstaad

Bunte Eröffnung

2009 ereignet sich nicht nur der zehnte Todestag von Yehudi Menuhin (1916-1999), sondern auch das von ihm gegründete Menuhin-Musikfestival in dem schweizerischen Alpendorf Gstaad geht in seiner 53. Ausgabe über die Bühne. Rund sieben Wochen lang werden im großen Festivalzelt sowie in den Kirchen der Umgebung insgesamt 47 Konzerte gegeben, in denen man viele der zur Zeit wohl angesagtesten Interpreten erleben kann. Von Hélène Grimaud über Renaud und Gautier Capuçon, Daniel Hope, Dejan Lasic bis zu Paul McCreesh und dem Gabrieli Consort lockt das vor malerischem Bergpanorama stattfindende traditionsreiche Festival wieder einen guten Teil an 'A-Prominenz' des Klassikbetriebes an; Andris Nelsons und das City of Birmingham Symphony Orchestra mit Arcadi Volodos als Solisten eingeschlossen.

Zur umfangreichen, vielgestaltigen Förderung junger Talente im Rahmen des Festivals kommt in diesem Jahr noch die international ausgeschriebene 'Gstaad Vocal Academy Cecilia Bartoli' hinzu. Geleitet von Cecilias Mutter, der ehemaligen Opernsängerin und Pädagogin Silvana Bazzoni-Bartoli, nehmen Gesangstalente an einer unter anderem auch von Cecilia Bartoli unterrichteten Meisterklasse teil. Alle Ereignisse des Menuhin-Festivalprogramms aufzuzählen, würde allerdings den Rahmen sprengen. Es sei an dieser Stelle nur auf den nicht nur meiner Ansicht nach größten außermusikalischen Vorzug hingewiesen, der oben schon angedeutet wurde: die herrliche alpine Lage in 1050 Meter Höhe, die unter anderem als Ausgangspunkt für Höhenwanderungen wie geschaffen scheint. Ich persönlich wäre in dieser wunderschönen Gegend mit ihren erhabenen Zwei- und Dreitausendern gerne noch um einiges länger geblieben, mindestens bis zur Aufführung von Bruckners Sinfonie Nr. 9, die am 21. August vom London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev gespielt wird. Was die Kombination Berge und Musik angeht, kann ich mir jedenfalls keinen besseren Zeit und Ort vorstellen als das Menuhin-Festival (vom interessanterweise genau gleichzeitig startenden Musikfestival in Verbier einmal abgesehen).

Nun jedoch zum Eröffnungskonzert mit dem Kammerorchester Basel unter HK Gruber als Hauptakteur, das wie immer in der 1604 erbauten Kirche Saanen stattfand und dieses Jahr als 'Haydn-Fest' angekündigt war, sich dann aber aufgrund einer Besetzungs- und damit verbundenen Programmänderung genauso in ein Mozart-Fest verwandelte, ohne dass das freilich jemanden gestört hätte. Die für die im letzten Augenblick erkrankte Vesselina Kasarova (sie hatte am selben Tag erst um 11.00 Uhr morgens abgesagt) eingesprungene Sopranistin Elena Mosuc wird vielen Festival-Stammgästen aus der Schweiz vom Opernhaus Zürich ein Begriff sein. Anstatt der Haydn-Kantate 'Berenice che fai' sang sie Mozarts frühes 'Exsultate, jubilate' KV 165 vom Blatt. Langes Proben musste aufgrund der Kurzfristigkeit der Umstände ausfallen. Dies merkte man aber erfreulicherweise weder dem Orchester noch Mosuc wirklich an. Das Jauchzen und Jubeln nahm die gebürtige Rumänin sehr wörtlich, indem sie großzügig mit opernhafter Geste und koloraturenreich gestaltete. Ob sie damit dem Charakter einer Sakralkomposition gerecht wurde, war da nicht so entscheidend, zumal sich die viersätzige Motette, wenn man nicht auf den Text achtet, genauso als verkappte Abfolge weltlicher Arien deuten lässt.

Dass Mosuc als Donna Anna im 'Don Giovanni' aber eher zuhause war – sie hat, wie der Programmzettel bekannt gab, über Wahnsinn in italienischen Opern promoviert –, merkte man nicht so sehr an ihrem nun auswendig gesungenen Vortrag, sondern mehr an der souveränen Atemführung, den hinreißenden Spitzentönen im piano und der ausgeprägteren stimmlichen Differenziertheit. So geriet ihr Auftritt vom bloßen Ersatz zum Höhepunkt des Abends. Der Grund hierfür lag jedoch auch in darin, dass die Haydn-Sinfonien Nr. 22 und 101 (mit den Beinamen 'Der Philosoph' resp. 'Die Uhr') recht konventionell und wenig inspiriert interpretiert wirkten. Da hätten Gruber und das Kammerorchester Basel gerne noch mehr draus machen können, auch wenn das Ergebnis alles in allem zufrieden stellte. Ob es an den etwas schwerfälligen Streichern und den intonationsschwachen Hörnern in der Sinfonie Nr. 22 lag oder daran, dass die im Grunde nicht mehr verbesserbare, grandios klare und trockene Akustik der Kirche Saanen nichts unter den Tisch fallen ließ, ist schwer zu sagen. Vielleicht hatte man auch einfach zu wenig Probenzeit gehabt. Schöne Momente, wie die deutlich herausgearbeiteten Akkordwechsel zu Beginn der Sinfonie Nr. 101 oder das namensgebende tickende 'Andante' dieser Sinfonie, gab es natürlich immer noch. Verglichen mit anderen, auf modernen Instrumenten spielenden Ensembles jedoch, angeführt sei nur etwa das Kölner Kammerorchester, blieb das Ergebnis hinter den Erwartungen eher zurück.

Ähnlich wie bei den Haydn-Sinfonien vermisste man während der Schweizer Erstaufführung von Grubers Violinkonzert Nr. 2 mit dem Titel 'Nebelsteinmusik' die interpretatorischen Extreme, die starken Akzente und rhythmisch pointierten Formulierungen. Zu gefallen wusste das Gottfried von Einem gewidmete Werk von 1988 mit Julia Schröder als Solistin, die zugleich Konzermeisterin des Orchesters ist, auf jeden Fall, schon alleine weil es den einzigen Kontrast zur Dominanz des 18. Jahrhunderts an diesem Abend bot, und was für einen! Die zerfurchten Verläufe und das komplexe, schön schräge Gewusel des ersten Satzes klangen nach Haydns Sinfonie Nr. 22 so konträr, dass im noch voll auf Es-Dur eingestellten Publikum zunächst Unruhe entstand. Spätestens im zweiten, langsamen Satz ,'In time with the heartbeat' überschrieben, gelangte Julia Schröders schlanker, gedämpfter Ton dann aber ungestört bis in die hintersten Reihen, vom fetzig-tangoartigen 'Concertino' am Schluss ganz zu schweigen, dem eine reizvolle Solokadenz voran ging.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Haydn-Fest zur Festival-Eröffnung: Orchesterkonzert

Ort: Mauritius-Kirche,

Werke von: H.K. Gruber, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: H.K. Gruber (Dirigent), Kammerorchester Basel (Orchester), Elena Mosuc (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Menuhin Festival

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