> > > > > 07.07.2009
Donnerstag, 2. Dezember 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Zum 12. Sinfoniekonzert der Dresdner Semperoper

Elgar im Originalklang

Es wäre der perfekte Abschluss einer langen Dresdner Konzertsaison gewesen. Sir Colin Davis sollte an die Semperoper zurückkehren, um Mendelssohns 'Schottische Sinfonie' und Elgars Violinkonzert zu leiten. Etwa eine Woche vor Konzertbeginn kam jedoch die Hiobsbotschaft aus London – Colin Davis sollte aufgrund eines fehlenden Reisepasses Großbritannien nicht verlassen können (klassik.com berichtete). Die strengen Visagesetze hatten bereits in den vergangenen Monaten einige Künstler an der Einreise gehindert. Colin Davis war nun wohl der erste Künstler von internationalem Renommée, dem auch die Ausreise verweigert wurde.

Als die Nachricht publik wurde, hatte man in Dresden allerdings schon eine überaus passable Alternative gefunden. Wenngleich man Sir Colin Davis nur schwerlich ersetzen kann, wurde in seinem Schüler Robin Ticcati ein würdiger Vertreter gefunden. Ticcati hatte, protegiert von den beiden britischen Sirs – Colin Davis und Simon Rattle –, in den vergangenen Spielzeiten unter anderem an der Accademia Santa Cecilia in Rom, bei den Salzburger Festspielen und als jüngster Debütant an der Mailänder Scala für Furore gesorgt und gilt mittlerweile als einer der talentiertesten Dirigenten einer neuen Generation. Für Mendelssohns 'Schottische Sinfonie' prädestiniert ihn zudem – will man dies ein wenig augenzwinkernd als Argument gelten lassen – sein intensives Engagement beim Scottish Chamber Orchestra.

Robin Ticcati hat in Dresden aber auch tatsächlich sehr viel Gespür für Mendelssohns filigrane Meistersinfonie bewiesen und eine überzeugende, wenn auch nicht perfekte Aufführung geleitet. Vom wild-romantischen Schottlandbild, das der abstrakten Tondichtung all zu oft angedichtet wurde – obgleich es dem musikalischen Material doch kaum inne wohnt – war unter Ticcati nichts zu spüren. Er tat indes gut daran, die Sinfonie nicht zu sehr zu romantisieren, ließ sie frei atmen und gab ihr damit eine dynamische Verve. Seine Orchesterbehandlung, die Crescendi und Diminuendi,  erinnerten so ein wenig an die gängige Aufführungspraxis der späten Mozartsinfonien. Die Spielfreude der Sächsischen Staatskapelle war gewohnt überragend – hier ließ sich niemand von der kurzfristigen Absage Colin Davis’ verunsichern. Besonders der Violinist Peter Bruns machte sich als aufmerksamer Konzertmeister immer wieder bemerkbar. Dass in Ticcatis Mendelssohn-Interpretation das schwere, nordische Element einer so genannten 'Schottischen Sinfonie' letztlich völlig fehlte, deckt sich im übrigen auch mit einer prominenten (Fehl-)-Deutung eines Zeitgenossen: Robert Schumann meinte in der Musik „jene alten im schönen Italien gesungenen Melodien“ zu erkennen und hatte scheinbar die „Schottische“ mit einer „Italienischen Sinfonie“ verwechselt.

Im zweiten Teil des Abends stand das eigentliche Highlight auf dem Programm, denn neben Colin Davis hatte die Semperoper auch Nikolaj Znaider nach Dresden eingeladen, um Edward Elgars Violinkonzert in h-Moll dem kritischen Publikum der Semperoper vorzustellen. Der in Dänemark als Sohn polnisch-israelischer Eltern geborene Weltklasseviolinist hatte in den letzten Jahren mit großartigen Einspielungen mehrmals für Aufsehen gesorgt und wurde vom Dresdner Publikum mit einem Applaus begrüßt, wie ihn manch anderer Solist nicht einmal nach seinem Auftritt empfängt. Seine brillanten Interpretationen der Violinkonzerte von Mendelssohn und Beethoven (unter Zubin Mehta), sowie von Brahms und Korngold (unter Valery Gergiev) hatten die Erwartungen aber auch gewaltig in die Höhe getrieben. Wenngleich Znaider auch in Dresden seine außergewöhnliche Klasse fraglos unter Beweis stellen konnte, muss man sich doch fragen, was nicht noch unter Colin Davis möglich gewesen wäre. Unter dem Dirigat von Ticcati gelangen zwar grundsätzlich alle drei Sätze – im Detail fielen jedoch vereinzelte Unstimmigkeiten auf. So spürte man im ersten Satz, dass dem Orchester die Erfahrung und Stimmigkeit fehlte, um auf Znaiders mitunter äußerst exzentrische Einsätze und Rubato-Phrasierungen zu reagieren. Znaiders exorbitante Technik erlaubt ihm gerade im Ansatz oder auch im Pianissimo eine hoch individuelle Tonmodellierung – das Orchester und der Dirigent müssen daher aber umso subtiler auf Tempi, Lautstärken, Nuancen oder Atmungen reagieren – gerade in einem dynamisch so ausdifferenzierten Werk, wie Elgars Violinkonzert. Zum Ende hin wurde das Konzert jedoch spürbar immer eindringlicher und das Finale überzeugte in einer grandiosen Klimax vollends. Besonders Znaiders fantastischer Ton sorgte immer wieder für eine andächtige Stille im Saal der Semperoper, die unmittelbar nach dem letzten Ton in einen tosenden Applaus überging.

Znaider spielte seine Guarnerius del Gesú „Kreisler“ von 1741 – dasselbe Instrument, das Fritz Kreisler 1910 zur Uraufführung in seinen Händen gehalten hatte. In einer glasklaren Intonation, dem hoch versierten Registerspiel und der plastischen Tongestaltung konnte man so fast 100 Jahre später noch einmal einen „Elgar im Originalklang“ vernehmen.

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Kritik von Toni Hildebrandt



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12. Sinfoniekonzert: Felix Mendelssohn Bartholdy und Edward Elgar

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Felix Mendelssohn Bartholdy, Edward Elgar

Mitwirkende: Robin Ticciati (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Nikolaj Znaider (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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