> > > > > 13.12.2009
Mittwoch, 21. August 2019

Eine solide 'Frau ohne Schatten' in Zürich

Alles Bild und Märchen

Ein "schlanker Strauss" sollte es werden, so die Vorgabe von Dirigent Franz Welser-Möst für die 'Frau ohne Schatten' in Zürich. Eine Herangehensweise, die angesichts der Größe des Hauses und hinsichtlich der äußerst facettenreichen Partitur durchaus schlüssig erscheint. Die Instrumentationskunst Strauss’ erschöpft sich eben nicht in der Aktivierung aller orchestralen Kräfte, also der kompositorischen Zubereitung der vielzitierten "Sauce über den Braten" (Hofmannsthal). Gerade für die 'Frau ohne Schatten' forderte Hofmannsthal bei Strauss Textverständlichkeit ein und bekam diese auch vielerorts. Gleichwohl vermisste man am Premierenabend mitunter etwas Biss und Schärfe und wunderte sich, wie das untrügliche dramatische Gespür Strauss’ durch fehlende Prägnanz unterminiert werden kann – so beispielsweise gleich zu Beginn, als das eigentlich Übermächte evozierende „Barak-Motiv“ fast schon im Raum verpuffte.

Nun ist die 'Frau ohne Schatten' trotz zeitlicher Nähe keinesfalls eine zweite 'Ariadne' und man darf bezweifeln, ob Roberto Saccà (Der Kaiser) die relative Transparenz des Orchesters auch als solche empfand: Als erfahrener Mozart-Tenor sorgte er zwar für interessante klangliche Effekte, ging aber stellenweise – vor allem im Schlussquartett – schlichtweg unter. Im Gegensatz dazu hatte Michael Volle als Barak keine Probleme, gegen das Orchester anzukommen und überzeugte mit seiner kernigen Stimme; trotz des Versuchs der Regie, das Defizitäre seiner Figur zu betonen, blieb er an diesem Abend der Publikumsliebling. Birgit Remmert als Amme machte sängerisch einen sehr guten Eindruck, wirkte auf der Bühne allerdings etwas apathisch. Das Tierhafte, das in der Figur dieser "Hündin" angelegt ist, vermisste man leider. Die Färberin Janice Baird wirkte da schon vitaler – sie schaffte es von allen Darstellern am überzeugendsten, die Zerrissenheit ihrer Figur darzustellen. Emily Magee begegnete den vielfältigen Herausforderungen ihrer Titelfigur recht souverän – von ihrem ersten Auftritt über die anspruchsvolle Traumszene im zweiten Akt, bis hin zu der entscheidenden Tempelszene, in der nichts geringeres von statten gehen soll als eine "Menschwerdung".

David Pountney richtet via Programmheft-Interview aus, dass er erstaunt war, "wie einfach diese Oper über weite Strecken strukturiert ist", er sich gewundert habe, "wie flüssig man das Stück bei den Proben erlebt". In gewisser Weise ist diese Leichtigkeit im Zugriff durchaus zu spüren: In visuell sehr ansprechenden Bildern wird die Oper souverän erzählt, und das Publikum ist sichtlich fasziniert von der edlen Märchenhaftigkeit des Stücks; das Regieteam hat seine Aufgabe in dieser Hinsicht also ohne weitere Probleme gelöst. Gleichwohl wirken manche Regieeinfälle auch im Nachhinein nicht sonderlich überzeugend. Die Thematik der Menschwerdung durch ein langsames Abstreifen des Bühnenkostüms zu illustrieren (die Oper endet schließlich in einem informellen Feierabendessen in moderner Privatkleidung) ist dann doch etwas profan. Auch die Hinzuziehung von groß dimensionierten Eiern, die auf die Thematik der Fruchtbarkeit rekurrieren, wirkt etwas fehl am Platz – vor allem weil mit den Requisiten im Verlauf des Abends wenig spannendes passiert. Einige Probleme wurden offenbar nicht als solche erkannt: Dass der Schatten der Kaiserin tatsächlich den ganzen Abend lang unsichtbar bleibt, ist sicherlich zu viel verlangt; trotzdem nimmt die Omnipräsenz dieses Schattens auf der Bühne, noch vor der eigentlichen "Schattengewinnung", der Szene viel an Spannung – vielleicht hätte man hier durch geschicktere Lichtregie Abhilfe schaffen können.

Das Publikum verzehrt sich jedenfalls immer noch nach dieser Oper, das zeigt sich am begeisterten Schlussapplaus. Dass die Aufführung des Werks letztlich doch nicht so einfach ist, spielt da keine Rolle. Es macht gerade den eigentümlichen Reiz des Stückes aus, dass es sich einer stringenten Deutung verschließt  – es ist eben "alles Bild und Märchen". Insofern ist es ein Glücksfall, dass dieses "Hauptwerk" nun in Berlin und Zürich zu bestaunen ist.

Kritik von Martin Andris



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Strauss, Die Frau ohne Schatten: Oper in drei Akten

Ort: Opernhaus,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Franz Welser-Möst (Dirigent), Emily Magee (Solist Gesang), Janice Baird (Solist Gesang), Birgit Remmert (Solist Gesang), Michael Volle (Solist Gesang), Roberto Saccà (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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