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Dienstag, 31. März 2020

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Gounods 'Faust' an der Semperoper

Erst das Ohr und dann das Auge

'Faust et Marguerite' ist seit der Pariser Uraufführung 1859 ein Welterfolg. Faust ist da auch drin, aber weniger als philosophischer Sucher und Grübler, sondern als Mann, der angesichts junger Frauen mit dem Alter hadert und, um Biologie und Zeitläuften ein Schnippchen zu schlagen, mit dem Satan paktiert. Der ist hier auch eher wieder die negative Figur des Volkstheaters als ein allgemeines Prinzip des Bösen in Menschengestalt. Zum Erfolg wurde auch die jüngste Premiere des Werkes in Dresden. Eine unterhaltsame Bilderfolge, geschickt und optisch routiniert in Szene gesetzt durch den englischen Regisseur Keith Warner und die Bühnenbildnerin Es Devlin mit reichenhaltigem und attraktivem Kostümangebot von Julia Müer. Besonders die ersten Bilder, wenn der alte Faust mit Méphistophélès Hilfe, der aus dem Theaterhimmel herabschwebt, dieweil seine Höllenhunde (Nora Sitges-Sardá und Luke Baio) auf Erden längst auf ihn warten, wieder jung wird, sind schon die wesentlich stärkeren optischen Teile des fünfaktigen Abends.

Schön komisch gibt Woo-Kyung Kim augenzwinkernd den alten Mann. Kaum hat er den Zaubertrank herunter schlägt er einen Purzelbaum, hüpft clownesk und vergnügt durch die Szene. Dann muss er doch noch unter den Zaubermantel, kommt als Kind hervor, vor dessen Augen jetzt das zurückgedrehte Lebensrad sich wieder vorwärts dreht und wie im Zauber der vergrößerten Spiegelung eines Wunderapparates namens ?Zeotrop? die knallbunten Figuren einer Offenbachrevue aus Lebenskampf und Lebensgier, wie in einem absurden Totentanz zu Gounods Musik auf die Bühne schleudert. Der Teufelskerl an Fausts Seite ist ein jovialer, serviler Typ. Verschmitzt tänzelt Donnie Ray Albert behäbig durch die Szene, sein goldenes Kalb, das er im Rondo besingt, ist eine Kanone aus Edelmetall und statt Wein kredenzt er klebriges Blut aus dem Rohr der Kriegsmaschine. Harter Schnitt. Das Treiben wird beendet. Markus Butter, Marguerites Bruder Valentine, nimmt Abschied um in den Krieg zu ziehen. Wenn er wieder kommt sieht alles anders aus, denn schon begegnet Faust dessen Schwester, um die sich der junge Soldat eben noch mit berührenden Tönen sorgte. Wie Mimi, aus einem anderen Welterfolg der Oper, im Mantel, mit Muff, begegnet Maria Fontosh dem Faust. Für beide wird diese Begegnung der Anfang vom Ende sein. In einem künstlichen, herbstlichen Paradies von Satans Gnaden kann keine Liebe blühen, Marguerite bekommt ihr Kind auf einem Schlachtfeld und ohrenbetäubend knallig schmettern die Überlebenden wie aus Rache den Lebenden ihre schönen Erlebnisse ins Ohr, dazu wird der Säugling gleich mal als Siegestrophäe durch die Luft geschleudert.

Da sind sie alle schon in einem übergroßen Sanatorium unter mächtigen Spiegeln, stehen gewissermaßen im eigenen Licht und müssten das eigene Abbild ertragen. Marguerite wird das Kind ihrer Liebe, die zu Ende war ehe sie begann, ersticken. Faust, rasch wieder gealtert, greift zur Flasche. Méphistophélès, während er heuchlerisch zur Flucht antreibt, fesselt die längst gebrochene Frau, und da wo eigentlich unter lieblichsten Gesängen ihre gerettete Seele gen Himmel schweben sollte züngeln die Flammen ihres Scheiterhaufens in die Höhe. Die Schwestern von der barmherzigen Militanz haben alles im Griff. Faust sitzt wie zu Beginn im Rollstuhl, den er eigentlich nie verlassen hat und man könnte meinen, da auch Marguerite immer mal wieder im Rollstuhl sitzend ins Geschehen geschoben wird, der ganze Abend ist nur eine optische Täuschung, ein abschreckendes Spiel um die Frage, was wäre wenn, zur Bestärkung der Einsicht, dass kein Kraut gegen das Alter gewachsen ist.

All das, bei gestrichener Walpurgisnacht, szenisch mehr oder weniger überzeugend, geschieht aber zum Glück unter dem hellen, versöhnenden, Licht musikalischer Glanzleistungen. Alexander Joel steht am Pult der Staatskapelle, und die lässt Gounods Partitur mit vielen Schattierungen erklingen. Der herrlich unterhaltende Übermut wird mit Lust musiziert. Mit Hingabe wird manche Sentimentalität veredelt. Es gibt atemberaubende Spannungsbögen, und für die insgesamt vorzüglichen Sänger beste Begleitung. Wookyung Kim, der Dresdner Faust, ist ein Tenorwunder, nicht nur wegen seines phänomenal stahlenden hohen Cs. Donnie Ray Albert gibt den teuflischen Begleiter, nicht die Kraft, eher die List, auch in der Tongebung, ist seine Stärke. Maria Fontosh als Marguerite mit recht reifer Stimme gelingen eher die tragisch-dramatischen Passagen. Intensiv, mit leichten Anstrengungen, gibt Markus Butter den Valentin, Stephanie Atanasov als unglücklicher Siébel bleibt im Spiel ungelenk, ihr Gesang überzeugt eher. Michael Eder ist ein stimmfester Wagner, Constance Heller in Stimme und Erscheinung eine angenehm junge Marthe. Die bekannten Chorszenen hört man gerne in der Einstudierung von Pablo Assante. Die Damen allein, die stimmgewaltigen Herren, alle zusammen, ein Opernchor der Sonderklasse. Um das Spiel authentisch zu machen helfen aber nicht mal einige wenige, wahrhaft knapp und einfach gehaltene choreografischen Chancen.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Gounod: 'Faust': Semperoper Dresden

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Charles Gounod

Mitwirkende: Alexander Joel (Dirigent), Keith Warner (Inszenierung), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang), Markus Butter (Solist Gesang), Maria Fontosh (Solist Gesang), Stephanie Atanasov (Solist Gesang), Michael Eder (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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