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Samstag, 10. Dezember 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Händels Oper mit Komik, Krieg und schönen Stimmen

Julius Cäsar Superstar

Gerade noch rechtzeitig, bevor das Händeljahr aus Anlass des 250. Todestages des großen Europäers aus Halle an der Saale zuende geht, kommt dessen Oper 'Giulio Cesare in Egitto' auf die Bühne der Semperoper. Zum ersten Mal überhaupt nach fast 285 Jahren seit der Hamburger Uraufführung. Ein Werk um Mord, Intrige, Leidenschaft und Liebe, an dessen Ende ein Schurke im Duell fällt und mit Cesares Hilfe die sagenhafte Cleopatra als Königin Ägyptens auf dem ihr zustehenden Thron gefeiert wird.

Also wird geballert und gebombt, gemeuchelt, intrigiert, verführt, getrunken und geliebt. Man ist im Krieg, und das muss ganz und gar nicht immer nur traurig sein. Was das Kino kann, das kann die Oper auch. Endlich, sagt man nach diesem barocken Opernabend, bei dem die Ohren zunächst bestens und im Verlauf des Abends auch die Augen immer mehr auf ihre Kosten kommen, weht wieder mal ein frischer Geist aus Freiheit, Lust und Können durch die inzwischen auch schon ganz schön ehrwürdige dritte Semperoper.

Wenn es los geht, ist der ruhmreiche Feldherr im exotischen Ägypten angekommen, wohin sich sein Erzrivale Pompeo geflüchtet hat. Der wird in einer wilden Jagd zur Ouvertüre verfolgt von Cesares Truppen im Kolonialistendress der frühen Zwanziger des letzten Jahrhunderts und zugleich von langgewandeten Gotteskriegern und schwarz verhüllten Jungfrauen. Dieweil die westlichen Truppen es vorziehen sauber zu töten - also: bomben aus sicherer Entfernung - machen die Einheimischen kurzen Prozess. Kopf ab, in die Schatulle und dem Befreier aus Rom überreicht. Dahinter steckt ein gewiefter ägyptischer Tausendsassa namens Tolomeo, der mit Cesares Hilfe verhindern will, dass seine Schwester Cleopatra den von ihm okkupierten Thron besteigt. Sie will aber mit des Römers Hilfe auch auf den Thron und den Bruder aus dem Weg haben. Ganz klar, wie das bei der sagenhaften Schönheit jener antiken Damen ausgeht. Natürlich auf Umwegen, so amüsant wie intrigant, mit etlichen Leichen am Wegesrand, endet es für beide im blumenbestreuten öffentlichen Ehebett.

Zuvor hat die schöne Ägypterin noch demonstriert, dass sie Kraft ihres Gesanges alle Toten wieder aufleben lässt; wer sollte sie sonst auch am Ende hoch leben lassen. Das ganze spielt im, vor oder um den Königspalast herum, den Mathis Neidhardt in verflossener Pracht mit bröckelndem Putz und bezaubernden Regenwasserspuren auf die Bühne gestellt hat und damit ein wunderbar augenzwinkerndes Ägyptenklischee mit Grüßen nach Hollywood bietet. Das setzt sich fort in den Kostümen, hier wie da, und manchmal will es schienen, der Nil fließe am Hindukusch. Was uns so unterhaltend, wie mit leichter Hand von Regisseur Jens-Daniel Herzog inszeniert und von Ramses Sigl mit einer ausgezeichneten Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern, Komparsen, und Mitgliedern des Chores choreografiert erscheint, ist aber ganz und gar nicht leichtfertig zu sehen oder gar unbedacht gemeint.

Da hat ein hellwaches Team der Regie mit einem ebenso wachen Ensemble schon ganz genau im Blick, was uns bewegt im Streit der Kulturen, Religionen oder um globale Ansprüche auf die Beherrschbarkeit des Erdkreises. Wir erleben ein barockes Welttheater, das ganz turbulent beginnt, ohne Scheu vor Klischees und Klamauk. Aber immer dann, wenn allein dem Klang der Raum gebührt, kommt es zur Ruhe. Im Mittelteil des Opernabends, der wie im Flug vergeht, das Kammerspiel mit berührenden Episoden aus Trauer, Leid und Verzweiflung, Widerstand zum einen; dann wie im Satyrspiel die Slapstiks, Gags und Turbulenzen eines Supermannes namens Cesare, der sieben ägyptische Terroristen, die ihm an die Wäsche wollen, eben mal so im Handstreich erledigt. Daneben die berührende Entwicklung des jungen Sesto Pompeo, der im Schatten seiner trauerenden Mutter Cornelia wie Hamlet von des toten Vaters Geist gelenkt und beschützt ein Rächer werden soll. Zu schießen lernt er, das Töten bleibt ihm hier noch erspart. Eine von etlichen Feinheiten dieser so facettenreichen Aufführung, die so turbulent endet, wie sie begann.

Offensichtlich hat das glücklich zusammengefügte Ensemble der Sängerinnen und Sänger in allen Partien an solchem Spiel seine Freude und dazu unter der erfahrenen musikalischen Leitung von Alessandro De Marchi viele Gelegenheiten, höchst beglückende Gesangsleistungen zu bieten. Anke Vondung gibt die Partie des Cesare mit Bravour, Laura Aikin erhält für ihre Gestaltung der Cleopatra viel Applaus. Der Gesang des Bass-Baritons Steffen Rössler als Curio bleibt trotz kleiner Partie in bester Erinnerung, was auch für Christoph Pohl gilt, der mit warm timbriertem, edel klingendem Bariton als Achilla überzeugt. Christa Meyer ist eine Witwe Cornelia der sensiblen Gesangsfacetten; da sind wunderbare Töne der Klage ebenso wie die des Aufbegehrens und des Widerstands. Ganz exzellent in der Jünglingsrolle des Sesto Janja Vuletic bei leichtem Ansatz mit hellem, festem Ton und temperamentvoller Attacke in der Koloratur. Als Nireno verfügt Christopher Field über aufregende Töne als Countertenor und Max Emanuel Cencic, im Spiel ein sympathischer Loser, im Gesang als Countertenor so farbreich wie gewandt in der Schattierung, zart im Piano und kraftvoll im wutschnaubenden Ausbruch.

Dazu der Klang der Staatskapelle, erweitert um etliche historische Instrumente, aber – und das ist so verblüffend – die Streicher und vor allem die Hörner, zwar korrespondierend mit Spieltechniken historischer Aufführungspraktiken, verleugnen dennoch ihren „Originalklang“ nicht. Und das, so möchte man mit der Erinnerung im Ohr sagen, ist gut so. Gut wäre zudem, wenn es endlich gelänge, Schönheiten und Reichtum barocker Opernkunst in der Barockstadt Dresden stärker zu beheimaten.


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper
Anke Vondung (Giulio Cesare), Chor der Sächsischen Staatsoper Dresden, Tänzerinnen und Tänzer Max Emanuel Cencic (Tolomeo), Tänzerinnen und Tänzer Christoph Pohl (Achilla), Christa Mayer (Cornelia)

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Georg Friedrich Händel, 'Giulio Cesare in Egitto'

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Alessandro de Marchi (Dirigent), Jens-Daniel Herzog (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Anke Vondung (Solist Gesang), Laura Aikin (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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