> > > > > 21.11.2009
Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Der Ballettklassiker in der Dresdner Semperoper

Voller Erfolg für 'Schwanensee'

Seine Version von Tschaikowskys 'Dornröschen’ hatte Aaron S. Watkin in die Säle und Gärten von Schloss Albrechtsberg verlegt, das malerisch in den Hängen über der Elbe in Dresden liegt. Die gotischen Ruinenelemente, die den Rahmen für das mittelalterliche Märchenschloss abgeben, nicht weit vom Schwanensee, müssen vor den Toren der Stadt liegen, in jenen Landschaften des Elbtals, die eine ganze Gruppe romantischer Maler, allen voran Caspar David Friedrich, anregten, ihre geheimnisvollen Tag- und Nachtwelten abzubilden.

Am Hof eines sächsischen Schlosses also ist jener Prinz Siegfried zu Hause, der am Tage seiner Volljährigkeit von der eifrigen Mutter angehalten wird, doch eher ans Heiraten als an das jugendliche Jagdvergnügen zu denken. Mögliche Bräute, eine attraktiver als die andere, tanzen in höchst virtuosen Divertissements um die Gunst des Prinzen. Der macht sich mit Benno, seinem Freund, auf und davon; sie folgen einer Gruppe fliegender Schwäne, eben an jenen See. Und hier erleben die beiden Jäger ihr weißes Wunder: ihnen fallen die Waffen aus der Hand.

Traumgebilde, Wunschträume, Tag und Nacht, Mensch und Natur – alles verschwimmt in den Augen der empfindsamen jungen Männer beim Anblick dieser Zauberwelt in Weiß. Das ist der Rausch der großen und der kleinen Schwanenmädchen, wie sie schweben, trippeln, sich herabsenken, in den so betörenden Gesten aus fremdartiger Kraft und schützenswerter Zerbrechlichkeit. Unter ihnen Odette, die königliche unter den verwandelten Mädchen, deren unglückliche Geschichte wir in einer pantomimischen Rückblende erfahren.

Baron von Rotbart, ein böser Zauberer – wir sind noch im Märchen – hatte seine Hand im Spiel und wird auch weiterhin seine Zauberfäden spinnen. Es kommt wie erwartet, der Prinz verliebt sich in die weiße Schwanenprinzessin, schwört Liebe und Treue, der Tag beginnt, die Sonne geht auf, den schönen Mädchen wachsen die Flügel und sie fliegen davon.

Unschwer zu erraten, die große Probe seiner Standhaftigkeit besteht der Prinz nicht. Mitten in die üppige Brautwahl, eher eine romantische Castingshow internationaler Bewerberinnen um den jungen Sachsen, bricht mit Vehemenz eine neue Verlockung der gänzlich anderen Art. Rotbart erscheint mit schwarzem Gefolge und einer exzellent tanzenden Schönheit, die der Schwanensee-Erscheinung der letzten Nacht frappierend gleicht, nur eben trägt Odile Schwarz. Noch ein Treueschwur, die Betrogene in Weiß erscheint dem Betrüger, hastige Flucht an den See bei Nacht, Kampf der dunklen und der hellen Mächte, „Triumph der Liebe“ überschreibt Watkin das letzte Bild seiner versöhnt endenden zweiaktigen Fassung, aber eben nicht auf Erden, sondern im See, im Schwanensee, dessen Tränenflut sich flugs verwandelt in Milch und Honig. Das erleben wir nicht mehr, denn der Vorhang fällt und der Beifall brandet auf wie lange nicht mehr nach einer Premiere in der Semperoper.

Wenn es stimmt, dass Kinder Märchen brauchen, dann Erwachsene erst recht. Im Verlauf des Abends schon spart das Publikum nicht mit Beifall für die Solisten, für die außerordentlichen Leistungen der Damen des Corps de Ballet und für die eleganten Tänze beim Walzer des ersten Aktes, für die brillanten Divertissements des zweiten Aktes.

Aaron S. Watkin und Francine Watson Coleman gelingt es gut, Virtuosität und starke Charaktere zu verbinden. Es gelingt, die solistische Passagen, Pas de deux oder die romantischen Showelemente der kunstvoll aufbereiteten, national eingefärbten Tänze der Bräute und ihrer Begleiter in den Fortlauf des Geschehens zu binden. Choreograf und Regisseurin entscheiden sich bei ihren Bezügen auf die originalen Quellen stets für jene Überlieferungen, in denen sich die Motive der Solisten, der Gruppen und des gesamten Corps ergänzend durchdringen. Dass der Bühnenbildner Arne Walter für seine Räume der Innen- und der Außenwelt, für seine Tag- und Nachtwelten gebrochene Farbtöne bevorzugt, korrespondiert in Wieland Müller-Haslingers Licht mit weiten Passagen der Musik Tschaikowskys. Die wird von den Damen und Herren der Staatskapelle unter der Leitung von David Coleman ganz wunderbar gespielt. Und so ist die Klangwelt des Schwanensees gar nicht so weit entfernt von der des letzten Satzes der 'Pathétique’.

Zudem ist von einem Triumph des Tanzes zu berichten, von einer Compagnie, die bestens aufgestellt ist, deren Tänzerinnen und Tänzer in allen Positionen durch ihre Individualität und Stärke der Präsenz überzeugen. Elena Vostrotina gibt ihr Debüt als Odette in Weiß und als Odile in Schwarz, die Herausforderung der Doppelrolle besteht sie mit Glanz. Ihre hochkonzentrierte Eleganz besticht, die Haltungen ihrer Arme sind bewunderungswürdig, die unzähligen Pirouetten ihrer Partie gelingen frappierend. Traumhaft sicher agiert Vladimir Shishov, der Gast von der Wiener Staatsoper für den erkrankten Raphael Coumes-Marquet, als Prinz Siegfried. Ein idealer Partner, die Hebungen der Partnerin, schwarz oder weiß, in unwahrscheinliche Höhen, sind von großem Zauber. Eine Überraschung bietet István Simon aus der Gruppe der Coryphées als Freund des Prinzen. Ausstrahlung, Temperament, Gewandtheit der Sprünge und die Sensibilität als Partner lassen das Publikum einhellig jubeln. Im Pas de sept des ersten Aktes lenken Britt Juleen, Claudio Cangialosi und Maximilian Genov die Aufmerksamkeit auf sich. Als Baron von Rotbart, in der üblen Rolle des bösen Zauberers Oleg Klymyuk. Ganz und gar nicht übel ist es zu sehen, wie er eine kräftige, aber nicht unbesiegbare Gestalt gibt ohne alle üblichen übertriebenen Haltungen.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


dresden SemperOper ballett: 'Schwanensee'. Ballett in zwei Akten

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Aaaron S. Watkin (Choreographie), David Coleman (Dirigent), Aaaron S. Watkin (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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