> > > > > 13.07.2009
Dienstag, 9. August 2022

Kammermusik in der Pfarrkirche zu Erl

Bach, Schubert und ein Schrei

Das ist der Luxus eines Festivals. Nach durchsonntem Tag, und noch dazu montags, zum Konzert in die barocke Pfarrkirche. Zunächst führt uns das Trio Broz, das sind die Geschwister Barbara, Violine, Giada, Violine und Viola, und Klaus Broz, Violoncello, sehr behutsam in die Stille. In einer Transkription für Streichertrio hören wir Auszüge aus Johann Sebastian Bachs 'Goldbergvariationen'. Umschlossen von der einleitenden Aria und Aria finale mit der Aufnahme und dem Verlöschen des Themas erklingen zwölf von den 32 Veränderungen. Erhält das Werk durch die Übertragung auf den Streicherklang ohnehin einen wesentlich weicheren und geschmeidigeren Charakter als beim Klang der Tasteninstrumente möglich ist, so bevorzugen die Mitglieder des Trios zudem eine besonders zurückhaltende Widergabe. Die nimmt zunächst auch für sich ein, verebbt aber bald, da in Sachen Dynamik oder gar Expressivität möglichst große Zurückhaltung waltet. Nervositäten im Zusammenspiel sind nicht überhörbar. Als mögliche Idee, zunächst in die Stille zu führen, um dann in den Veränderungen Varianten der Behutsamkeit im Umgang mit musikalischem Material und instrumentalen Möglichkeiten erklingen zu lassen, ehe wir in die Stille entlassen werden, erschließt sich die Interpretation des Trios. Ein höheres Maß an Emotion und Vermittlungseros könnten aber doch nicht schaden. Leider bot der Programmzettel zwar Informationen zu den Interpreten, aber kein Wort zum Werk, die Bearbeitung und dessen Autor.

Es gereicht den Festspielen zur Ehre, Uraufführungen zu vergeben, anzunehmen und zu Gehör zu bringen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum wir außer dem Namen des Komponisten nichts über ihn erfahren und es ist in diesem Falle ziemlich peinlich, dass der Titel seines Werkes auch noch in falscher und damit irreführender Schreibweise erscheint. 'Joschrua', so der Zettel, man mag an einen Schreibfehler denken und im religiösen Tirol bei Weglassung des „r“ auch gleich noch entsprechende Assoziationen haben. Stimmt aber nicht. Das Stück für Streichtrio von Christof Dienz heißt 'Juschroa', und das ist ein alter Begriff für einen Jodler, für einen Schrei oder eine Kombination aus Schreien und Jodeln. Also doch ein lokaler Bezug.

Die drei Streicher produzieren in Auf- und Abwärtsbewegungen flächige Klänge, sie steigen auf bis in sehr hohe Lagen, man meint so etwas wie ein Tirilieren zu vernehmen oder den Klang gänzlich silbern heller Glöckchen, auch Glasharfenassoziationen mögen sich einstellen. Milde und meditative Passagen wechseln mit sirenenhaften Klängen und mitunter gibt es Passagen von klassisch anmutender Satzweise. Ein jäher Schluss, eine Melodie hat sich versagt, die Wirkung nicht, der erinnernde Nachklang ist intensiv.

Beim abschließenden 'Forellenquintett' von Franz Schubert kommen Davide Cabassi am Klavier und Christoph Lindenbauer am Kontrabass dazu. Von den ersten Takten an springt der Funke über, und zwischen beiden Musikern baut sich eine so spannende wie höchst musikantische und tänzerische Korrespondenz auf. Da sind die hellen Klänge des Klaviers, die flinken Läufe, die eilenden oder verweilenden Motive und dazu die weitaus mehr als grundierenden, stärker lustvollen und spielerischen des Basses. Manchmal hat es den Anschein, als sei das Trio da zwischen die ganz und gar unkriegerischen aber umso mutiger und unerschrockener musizierenden und wettstreitenden Fronten geraten. Die dunkleren Seiten, die nach dem Eröffnungsschwung des Allegro vivace im folgenden Andante anklingen sind verwoben in den Gesamtverlauf, in dem der titelgebende Satz folgt und in diesem Falle besonders raffinierte Facetten der direkten oder indirekten Veränderungen und Abwandlungen einer melodischen Eingebung entdecken lässt. Das Finale 'Allegro giusto', eine Tanzszene im Überschwang, wenn der Ländler in die burlesken Anklänge einer Polka übergeht, ein Innhalten, Luftholen, Aufspielen, Aufdrehen. Noch einmal sprühen die Funken zwischen dem Pianisten und dem Bassisten, die Streicher unter solchem Lichtbogen können sich dem Austausch der Energien nicht mehr entziehen und wir haben das Glück, ein mitreißendes Finale eines Festspielabends der kleineren Form mit hohem Anspruch zu erleben.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Tiroler Festspiele Erl: Kammermusik: Bach, Dienz, Schubert

Ort: Pfarrkirche,

Werke von: Johann Sebastian Bach, Franz Schubert

Detailinformationen zum Veranstalter Tiroler Festspiele Erl

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