> > > > > 12.07.2009
Mittwoch, 29. Juni 2022

Frédéric Chopin

Gustav Kuhn dirigiert Chopin und Tschaikowski

Erst gediegen, dann fulminant

Im dritten Konzert der diesjährigen Reihe mit dem Orchester der Tiroler Festspiele, die im weiteren Verlauf dem sinfonischen Schaffen Peter Tschaikowskys gewidmet ist, stand zu Beginn das Klavierkonzert Nr. 1 op. 11 e-Moll von Frédéric Chopin mit der sehr jungen Sophie Pacini als Solistin. Pacini, deutsch-italienischer Herkunft, 1991 geboren, studiert am Mozarteum in Salzburg. Etliche nationale und internationale Preise hat sie errungen, Konzerte gab sie auf bedeutenden Podien sowie beim Warschauer Klavierfestival im vergangenen Jahr. 2008, als die Tiroler Festspiele wegen der Passionsspiele in Erl auf Reisen gingen, gab sie ihr Festspieldebüt bei Konzerten in Innsbruck.

Jetzt, am eigentlichen Festspielort, mit dem Orchester ihr Debüt als Solistin. Sie wählt ein Werk, das unter ihren Händen zwar sanft, aber nicht ganz frei von Irritationen einfließt in die Abendstimmung, und für dessen solistischen Part Gustav Kuhn mit seinem höchst sensibel reagierenden Orchester der Pianistin einen wunderbar weichen Klangteppich bereitet. Auf dem schwebt dann ihre unspektakuläre, bei gutem Willen als persönliche Interpretation anzusehende Spielweise vorwiegend sanft und träumerisch dahin. Ihre ungewöhnliche Zurückhaltung mag am ehesten mit dem Charakter des zweiten Satzes 'Romance-Larghetto' zusammengehen. Dem Temperament der Ecksätze, sowohl dem virtuosen Einstieg nach der längeren Orchesterphase im 'Allegro maestoso' als auch dem pointiert tänzerischen Schlusssatz 'Rondo-Vivace' entspricht eine solche Spielweise nur bedingt. Vom Anspruch eines Virtuosenkonzertes weit entfernt, übernimmt letztlich das Orchester ungewollt die entscheidende Gestaltung, was aber so nicht im Sinne des Komponisten ist. Keine große Begeisterung im Saal. Das Publikum entlässt die Solistin rasch, kein Bedarf an einer Zugabe.

Tschaikowskys Symphonie Nr. 4 op. 36 f-Moll ist ein vorwiegend aufbrausendes Werk mit viel schmetternder Blasmusik und im Gegensatz dazu mit schwermütigen dunklen Streicherklänge im 'Andantino' des zweiten sowie den heiteren im Scherzo mit den Pizzicato-Passagen. Hier hätte die Präzision noch einen Tupfer an Genauigkeit vertragen. Sonst aber konnte Kuhn voll damit rechnen, dass die bestens aufgelegten Musikerinnen und Musiker seinen Intentionen mit Leidenschaft und vollem Einsatz folgen. So nimmt der anfängliche Schicksalsklang dieses autobiografischen, regelrecht zerklüfteten Werkes sofort gefangen. Und Kuhns Interpretation spannt einen dynamischen Bogen hin zum hart aufbrausenden Finale, das mit seinen Klangkaskaden alle so zarten wie optimistischen Anklänge des Werkes begräbt. Mit dem ausgesprochen gut disponierten Klangkörper in allen Instrumentalgruppen gelingt es an diesem Abend einem nicht selten missachteten Werk ein hohes Maß an Würde zu verleihen. Die Kraft musikalischer Prägnanz überstrahlt den Abend, dessen emotionaler Kraft und künstlerischem Anspruch man sich schwerlich entziehen kann.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Tiroler Festspiele Erl: Konzert: Chopin und Tschaikowsky

Ort: Passionsspielhaus,

Werke von: Frédéric Chopin, Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Gustav Kuhn (Dirigent), Orchester der Tiroler Festspiele (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Tiroler Festspiele Erl

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2022) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich