> > > > > 12.07.2009
Mittwoch, 29. Juni 2022

Franui spielt Brahms Volkslieder

Sündlos schöne Klänge von der Alm

„Franui spielt Brahms Volkslieder“. Sven-Eric Bechtolf liest dazu aus Ödon von Horvaths frühem Roman '36 Stunden', heißt es im Programm der Sonntagsmatinee im Festspielhaus von Erl. Die große Schar der Fans und solcher, die es werden könnten, ist anwesend, der Saal ist gut gefüllt und nach dem Konzert ist der Andrang am CD-Shop groß.

Franui ist der Name einer Almwiese in Osttirol, wo die zwölf Musiker und Musikerinnen fast alle aufgewachsen sind, die inzwischen der Musicbanda mit Kultstatus nicht nur in Osttirol angehören. Die vier Frauen und acht Männer mischen die Möglichkeiten der Holz- und Blechblasinstrumente mit denen der Harfe, der Zither, des Hackbretts, des Akkordeons, der Violine und des Basses, dazu singen etliche Mitglieder in vornehmlich schlichtem Volkston, unisono und in leichter Mehrstimmigkeit. In den 16 Jahren ihres Bestehens hat sich diese spezielle Banda auch ein spezielles Repertoire erarbeitet, dazu eine Schar von Anhängern gewonnen, nicht zuletzt durch die Mitwirkung bei außergewöhnlichen Musiktheaterprojekten an ausgewiesenen Orten der internationalen Moderne. Beim österreichischen Label col-legno sind zudem zwei vielgelobte CDs erschienen, „Schubertlieder“ 2007 und zuletzt „Brahms Volkslieder“, letztere wurden auch in der Festspielmatinee geboten.

Sven Eric-Bechtolf wurde gerade zum neuen Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele gekürt, der Schauspieler und Regisseur hat ebenfalls für col-legno eine so vergnügliche wie erhellende und äußerst unterhaltsame Lesung der gesamten Ringdichtung Richard Wagners eingespielt.

Und zunächst auch, als Überleitung und Umschaltpause vom Wagnerschwall des Vorabends, zur Begrüßung ein 'Rheingoldcoctail' nach Art der Banda, in dem es jazzt, mehr oder weniger free, was auch auf den grundsätzlichen Stil der folgenden Bearbeitungen und Interpretationen der Volkslieder von Johannes Brahms aus dessen Sammlung einstimmt. Instrumental, vokal, zusammen, verkürzt oder in ganzer Länge erleben wir eine Zusammenstellung von Liedern, die zu einer Art musikalisch erzählter Geschichte verschmelzen, die zu Tränen rührt, uns schmunzeln lässt und immer wieder Vergnügen bereitet, wenn wir eben noch den Ton der Kaffeehausmusik vernehmen, in den sich unverhofft ein atonaler Schlenker schleicht. Mal schluchzt die Klarinette klezmerisch, mal schließt man bei Hackbrett und Zither die Augen und sieht prompt Lederhosen, um gleich darauf bei ganz zarten musikalischen Passagen in eine Sehnsuchtswelt aus Märchen- und Heimatfilmidylle entführt zu werden. So schwebt der Vormittag dahin zwischen Almidylle und Rummelplatz und bietet genau das musikalische Panorama für die Geschichte einer Liebe, die zu Ende ist, bevor sie begonnen hat. Gerade mal 36 Stunden aus dem Leben zweier schöner Seelen in armen Leibern beschreibt Horvaths posthum veröffentlichtes Romanfragment, das Sven-Eric Bechtolf ein wenig zu interpretationsversessen, musikalisch zärtlich untermalt, als sozial-melancholisch, mahnendes Wort zum Sonntag rezitiert.

Spätestens nach einer Stunde des fast zweistündigen Programms aber, als die Mittel bekannt schienen und die notwendige Wiederholung kaum neuen Gewinn brachte, als man den Eindruck gewinnen konnte, dass hier Melancholie mit Gleichmaß verwechselt werden könnte, verblasste der Funke der Begeisterung, der anfänglich doch weit mehr Hoffnung auf interpretatorischen Reichtum verhieß. Vielleicht blieben am Ende die schönen Klänge von der Alm doch gänzlich sündlos, und das soll ja bekanntlich so sein auf der Alm.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Tiroler Festspiele Erl: Franui spielt Brahms Volkslieder

Ort: Passionsspielhaus,

Werke von: Johannes Brahms

Mitwirkende: Sven-Eric Bechtolf (Sprecher)

Detailinformationen zum Veranstalter Tiroler Festspiele Erl

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