> > > > > 10.07.2009
Mittwoch, 29. Juni 2022

In Erl geht es auch in Tragödien menschlich zu

Darf man bei 'Elektra' lachen?

Es ist wieder soweit. Der Festspielsommer hat begonnen. Auch in Erl in Tirol und nach einjähriger Pause wegen der Passionsspiele im letzten Jahr wieder im „Stammhaus“, dem 1959 eröffneten Passionstheater von Robert Schuller mit seinem besonderen Ambiente und vor allem seiner exzellenten Akustik. In diesem Jahr, kombiniert mit einem reichen Konzertprogramm, stehen 'Die Meisteringer von Nürnberg' und 'Fidelio' als Neuproduktionen auf dem Programm. Eröffnet wurde es mit der Wiederaufnahme einer 'Elektra-Produktion' aus dem Jahre 2005.

In der zweiten Aufführung gilt der stärkste Jubel dem Orchester, das wie immer hinter der Szene sichtbar mitspielt und für mich auch nach etlichen Erler Begegnungen in dieser Art konkurrenzlos bleibt. Die Menschen der blutrünstigen Handlung, vor 100 Jahren in Dresden uraufgeführt, sind optisch einmal vor dem riesigen Anspruch des Orchesters, dazu vor den sieben mordsmäßig großen herrschaftlichen Stühlen von Falko Winter viel zu klein. Sie nähern sich mit ihren Mitteln, spielerisch und gesanglich in Lenka Radeckys Kostümen, die ein Crossover durch Epochen und Spielarten assoziieren, einem Mythos, dessen Klanggewalten sie alle hinwegfegen könnten. Der Mythos selbst nimmt Gestalt an, eine Tänzerin beschwört den Geist der Musik an einer Art Urorgel, bewegt die Menschen, ordnet und führt sie, reißt am Ende Elektra selbst hinein in ein mächtig wogendes rotes Tuch.

Das Orchester verdeckt, einzig Klang, Tanz und innere Bewegung, aus der Tiefe die menschliche Stimme der einzig tragischen, weil zum Weiterleben verurteilten Chrysothemis. Die wird man selten so lichtvoll erleben wie hier bei der ausgezeichnet singenden Italienerin Michela Sburlati. Die Elektra der jungen Mona Somm ist ein Ereignis, überraschend und ungewöhnlich, dramatische Kraft und lyrische Tragik. Martina Tomcic hat als Klytämnestra stark an Prägnanz und Überzeugungskraft gewonnen und liefert sich ein spannendes Duell mit ihrer Tochter, Fleisch von ihrem Fleisch. Markante Töne hat Michael Kupfer als Orest, dazu die zarteren der geschwisterlichen Liebe. Richard Decker, ein Aegisth im Outfit einer strammen Witwe aus Wilmersdorf, wie einstmals in der „Linie 1“, dazu ein großes Ensemble aus dienstbaren Damen und Herren der unterschiedlichsten Arten, nehmen am Ende Applaus und Jubel entgegen. Und Gustav Kuhn, der so übermütige wie offensichtlich glückliche „Erlkönig“ hebt vor Freude seine Protagonistin hoch in die eben noch vor Unheil tosenden Lüfte.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Tiroler Festspiele Erl: Richard Strauss/Hugo von Hofmannsthal, Elektra

Ort: Passionsspielhaus,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Gustav Kuhn (Dirigent), Hugo von Hofmannsthal (Libretto), Orchester der Tiroler Festspiele (Orchester), Michela Sburlati (Solist Gesang), Martina Tomcic (Solist Gesang), Michael Kupfer (Solist Gesang), Richard Decker (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Tiroler Festspiele Erl

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