> > > > > 13.08.2009
Mittwoch, 16. Oktober 2019

Michael Korstick auf Schloss Johannisberg

Klangmeditationen im Rheingau

'Bekenntnisse' lautet der Titel von Michael Korsticks Klavierabend beim Rheingau Musik Festival. Damit ist schon angekündigt, dass ein musikalisches Philosophieren beim Recital auf Schloss Johannisberg im Mittelpunkt stehen würde. Michael Korstick ist eben ein musikalischer Denker und zudem ein Klangästhet. Kompromisslos setzt er seine Klangvorstellungen um und nimmt den willigen Zuhörer mit auf eine ungewöhnliche Klangreise. Schon mit dem Auftakt, 'Funérailles' aus Franz Liszts 'Harmonies poétiques et religieuses', gelingt es dem Pianisten, das Tor zu einer Klangwelt zu öffnen, die abseits vom bloßen Entertainertum liegt. Tief getroffen von der Zerschlagung der revolutionären Aufstände in Budapest, scheint Liszt dieses auf 1849 datierte Stück seinen hingerichteten Freunden in Ungarn gewidmet zu haben, was auch die Überschrift 'Magyar' im ersten Entwurf zu belegen scheint. Korstick gelingt es blendend, diesem kurzen Klavierwerk eine beeindruckende Dramatik und Tiefe zu geben, die schon auf die dramaturgischen Gemeinsamkeiten mit den nachfolgenden Werken hinweist.

Auch Franz Schuberts letzte Klaviersonate B-Dur D 960 scheint von dessen Konfrontation mit dem Tod bestimmt. Der lange Kopfsatz spiegelt den intensiven Kampf wider, durch den der Komponist wohl am Ende seines Lebens gegangen ist. Unbetrübtheit und  Abschnitte voller Schmerz, Angst und Verzweiflung wechseln sich darin immer wieder ab. Schubert scheint mit diesem Werk noch einmal versuchen zu wollen, den Schatten Beethovens zu überwinden, der ihm lebenslang ein Begleiter war. Korstick gelingt eine bezwingende Interpretation, sein enorm leichter Anschlag ermöglicht eine wunderbar subtile und differenzierte Tongebung der lyrisch-lieblichen Melodien, doch er besitzt ebenso die elementare Kraft, die Momente der Verzweiflung eindrucksvoll zu gestalten. Zudem hat er ein Musikempfinden, das die Töne auf eine grandiose Art und Weise zu sublimieren versteht. Klar und strahlend, voller Licht und Farben strömen die Klänge durch den Raum. Der außergewöhnlich gut gestimmte Steinway sollte auch erwähnt werden; Korsticks Spiel scheint ihn zu einem fast lebendigen Partner zu machen.

Nach der Pause dann 'Au loin' op.20 von Charles Koechlin und die Klaviersonate Nr. 8 B-Dur op. 84 von Sergej Prokofjeff. Als ob es keine Pause gegeben habe, fährt der Pianist mit demselben Spannungsbogen fort, den er schon zuvor gespannt hatte. Die Konzentration und musikalische Bestimmtheit sind beeindruckend. Subtile musikalische Farbtupfer machen Koechlins Tondichtung gar zu einem fast visuellen Erlebnis. Korsticks Spiel sollte mit dem Geist verfolgt werden. Korstick bot dem Zuhörer die Gelegenheit, sich dieser Dimension zu öffnen. Auch in seiner Interpretation der Prokofjeff-Sonate zeigte sich dies, enorm virtuos auch hier wieder Korsticks Spiel. Der zarte, melancholische erste Satz sowie die pittoresken lyrischen Motive sind perfekt modelliert, die Dynamik immer stimmig. Auch kann Korstick mit seinem Spiel sehr oft eine nahezu orchestrale Klangdichte erzeugen, die unwillkürlich an Franz Liszt denken lässt, der ja gerade diese Möglichkeit des Klaviers zu evozieren verstand, eine Fähigkeit, die auch Michael Korstick teilt. Das begeisterte Publikum erklatschte sich noch vier Zugaben (2 Scarlatti-Sonaten, Villa-Lobos, Alberto Ginastera), die erneut die enorme Bandbreite des Pianisten bewiesen.

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Kritik von Midou Grossmann



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Schloss Johannisberg - 13.8.2009: Fürst-von-Metternich-Saal

Ort: Schloß Johannisberg,

Werke von: Franz Liszt, Franz Schubert, Charles Koechlin, Sergej Prokofieff

Mitwirkende: Michael Korstick (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Rheingau Musik Festival

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