> > > > > 26.08.2004
Donnerstag, 13. August 2020

Sartorios ?Giulio Cesare in Egitto? in Innsbruck

Barockoper als rasante Unterhaltung

Wer ist bitte Antonio Sartorio? Vielleicht hat sich mancher diese Frage gestellt, als er das Programm der diesjährigen Innsbrucker Festwochen studiert hat. Nicht einmal in Fachkreisen ist Sartorio wirklich ein Begriff, obwohl er in den Jahren von circa 1660 bis 1680 eine, wenn nicht die beherrschende Gestalt der venezianische Opernszene war. Er verstand es meisterhaft, den Hunger des Publikums nach virtuosen Arien zu stillen; während Francesco Cavalli Zeit seines Lebens an dem Opernstil festhielt, den Monteverdi mit seinen späten Meisterwerken ?La Incoronazione di Poppaea? und ?Il Ritorno d?Ulisse? geprägt hatte, brach mit Sartorio eine neue Epoche an:
Im älteren Operntypus waren Arien noch rar, Soloszenen und rezitativische Passagen, allenfalls mit ariosen Einschüben, dominierten. Bei Sartorio folgt eine Arie der anderen, die Rezitative dazwischen sind kurz. Vokale Virtuosität tritt so in den Vordergrund, die 50 meist kurzen Arien sind zwar gut gemacht und melodisch ansprechend, aber psychologischen Tiefgang wird man vergeblich suchen. Die Oper ?Giulio Cesare in Egitto? ist ein spritziges, musikalisch inspiriertes Werk über ein Libretto, das später von Händel vertont wurde. Bei Sartorio wird man freilich solche psychologisierenden Meisterwerke wie Händels berühmte Arie der Kleopatra ?Piangerò? vergeblich suchen; bei dem Venezianer kommen sogar bittere Liebesklagen leicht geschürzt daher. Seine Spezialität sind sogenannte Trompetenarien, gleichermaßen wirkungsvolle und virtuose Stücke, in denen Singstimme und Trompete wetteifern. Die vielen heroischen und kriegerischen Affekte in ?Giulio Cesare in Egitto? bieten mannigfaltige Anlässe dazu. Attilio Cremonesi hat Sartorios Oper für die Aufführung eingerichtet, das heisst, er hat das in mehreren Fassungen existierende Werk instrumentiert und sogar eine Arie hinzukomponiert. Sein kreativer Umgang mit dem oft spärlichen Rohmaterial beweist Kompetenz und Stilbewusstsein.

Karge Bühne, klare Formen

Eine Bühnenausstattung im klassischen Sinne gab es in der Innsbrucker Inszenierung nicht. Als Hintergrund dienten archaisch anmutende geometrische Formen aus projiziertem Licht, Requisiten waren Mangelware. Dieser gelungene Coup ? eine Folge von Budgetkürzungen? ? führte unter anderem dazu, dass die schönen, an historische Vorbilder angelehnten Kostüme ins Rampenlicht traten. Vollstes Lob gebührt dem Regisseur Christoph von Bernruth, der die Oper vor historisierenden Ausstattungsexzessen ebenso bewahrte wie vor zeitgeistigem Regietheaterschwachsinn.

Tempo, Unterhaltung, Sängerglanz

Das Team um Attilio Cremonesi setzte vor allem auf Humor und Tempo ? und sorgte für publikumswirksame Unterhaltung im besten Sinne. Die Sänger fügten sich bestens in dieses Konzept ein, allen voran Dominique Visse als intriganter König Tolomeo. Visse stellte wieder einmal sein herausragendes komödiantisches Talent unter Beweis und blieb sowohl schauspielerisch als auch gesanglich nichts schuldig. Sein charakteristisches Timbre passte exzellent zur Rolle. Alexandra Pendatchanska sang die Titelrolle mit kernigem und koloraturensicherem, aber wenig ausdrucksstarkem Sopran. Laura Alonsos Interpretation der Cleopatra ließ technisch nichts zu wünschen übrig, auch schauspielerisch überzeugte sie. Eine verführerisch-attraktive Ägypterkönigin war sie nicht wirklich ? was zum Teil an Sartorios etwas oberflächlicher Musik lag. Claire Brua verkörperte Cornelia, als Gattin des ermordeten Pompejus die tragische Gestalt der Oper: Sie ließ jeglichen vokalen Glanz oder tragische Größe vermissen und wurde von Amel Brahim-Djelloul als Sesto Pompeo (Sohn des Pompejus) mühelos übertrumpft. Frau Brahim-Djelloul sang mit klarem, überaus sicher geführtem Sopran. Eine Luxusbesetzung war Maria-Christina Kiehr als Diener Nireno ? die Sängerin war fast nicht wiederzuerkennen. Als knabenhafte Erscheinung überzeugte sie sowohl schauspielerisch wie sängerisch voll und ganz. Mimisch herausragend gestaltete Steven Cole die Rolle der Amme Rodisbe. Er konkurrierte in seinem komödiantischen Engagement mit Dominique Visse. Auf hohem Niveau bewegten sich die sängerischen Leistungen der weiteren Protagonisten: Andries Cloete als Curio und Federico Sacchi als Achilla. Cloete überzeugte mit klarem, schlankem Tenor, Sacchi mit ebenso profundem wie beweglichem Bass.

Das Instrumentalensemble La Cetra Basel ist ein engagiertes Ensemble von Spezialisten. Mit großer Sensibilität und einer gehörigen Portion rhythmischer Flexibilät waren die Musiker den Sängern einfühlsame Begleiter. Die Continuogruppe war farbig besetzt und setzte vielfältige Glanzpunkte. Pascal Geay (Trompete) meisterte die hohen Anforderungen mit Bravour. Attilio Cremonesi strahlt zwar nicht die hundertprozentige Souveränität seines Lehrers Rene Jacobs aus, ist aber ein umsichtiger Ensembleleiter, zum Teil vom Cembalo aus.
Der Opernabend bei den Innsbrucker Festwochen war trotz einer Gesamtdauer von dreieinhalb Stunden kurzweilig und unterhaltsam; aber der Tiefgang fehlte ein wenig (in erster Linie ein Defizit der Musik) und nicht Sänger erfüllten die hohen Ansprüche, die nicht zuletzt durch Ankündigungen ?in eigener Sache? geweckt wurden. Den Publikumsgeschmack seiner Zeitgenossen hat Sartorio perfekt getroffen, den heutigen trifft er auch, wie den Publikumsreaktionen abzulesen war.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Franz Gratl



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?Giulio Cesare in Egitto? : Oper

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Antonio Sartorio

Mitwirkende: Attilio Cremonesi (Bearbeitung), Attilio Cremonesi (Dirigent), Barockorchester La Cetra Basel (Orchester), Christoph von Bernruth (Regie), Andries Cloete (Solist Gesang), Steven Cole (Solist Gesang), Claire Brua (Solist Gesang), Laura Alonso (Solist Gesang), Federico Sacchi (Solist Gesang), Maria Christina Kiehr (Solist Gesang), Amel Brahim-Djelloul (Solist Gesang), Alexandrina Pendatchanska (Solist Gesang), Dominique Visse (Solist Gesang), Pascal Geay (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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