> > > > > 18.04.2009
Samstag, 29. Januar 2022

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Anna Vinnitskaya debütiert im Berliner Konzerthaus

Prokofiew mit Seele

War es das hübsche Gesicht der Solistin Anna Vinnitskaya? War es der graue Nobelschopf des Dirigenten Gilbert Varga? Waren es die ´Bilder einer Ausstellung´ des Komponisten Modest Mussorgsky? Die Gründe, die dazu geführt haben, dass das Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters im Berliner Konzerthaus ausverkauft war, bleiben spekulativ. Anna Vinnitskaya hätte es jedenfalls verdient, dass die Leute wegen ihr gekommen wären. Die 26-jährige Russin gibt Anlass zu größten Hoffnungen. Nicht mit einem Schlachtross der Klavierliteratur stellte sie sich erstmals in Berlin mit einem Orchester vor. Sondern mit Sergei Prokofiews sperrigem 2. Klavierkonzert, bei dessen Uraufführung 1913 das Publikum durch Flucht seine rege Anteilnahme zum Ausdruck brachte.

Kein futuristisches Manifest

Im Berliner Konzerthaus floh keiner. Zu beeindruckend war es zu sehen und zu hören, wie sich diese junge Pianistin den horrenden Schwierigkeiten des Konzerts stellte und sie überzeugend meisterte. Man hört diese Musik meist, als verwechselte der Pianist das Klavier mit einem Schlagzeug. Vinnitskaya vermied es, das Stück als Leute-Schreck zu präsentieren. Nach 100 Jahren ist dies wohl auch nicht mehr opportun. Schon die einleitenden Passagen nahm sie leicht abgefedert, weich und in den Punktierungen weniger kantig als geschmeidig rund. Auch in der riesenhaften Kadenz des 1. Satzes ließ Vinnitskaya die Musik kein futuristisches Manifest des mechanisierten Zeitalters werden. Mit Bravour bewältigte sie die schier aberwitzigen Sprünge, die der Komponist den Solisten vom untersten bis zum obersten Ende der Klaviatur absolvieren lässt. Es wird von Kritikerseite oft so getan, als sei technische Beherrschung eher ein Mangel als die notwendige Grundlage für jede Interpretation. Dass Vinnitskaya noch nicht in der Lage ist, tausend Farben aus dem Flügel zu zaubern, muss ihr nachgesehen werden. Sie gab der Musik aber Seele, selbst in den rasenden Läufen schien sie bisweilen zu grübeln. Klanglich ordnete sie das Werk irgendwo zwischen der Musik Rachmaninows und Ravels ein. Dass sie als Zugabe Ravels „Pavane pour une enfant défunte“ wählte, war da nur konsequent.

Konsequent war es auch, dass dem Konzert Rachmaninows „Toteninsel“ vorangestellt wurde. Gilbert Varga begann das Stück als düstere Vision, ließ aber in den Mittelteilen die Streicher gleißen, das Blech hineinfahren und wurde damit der Gattung Tondichtung über alle Maßen gerecht.

Zu wenig Klang-Arbeit

Eine Tondichtung sind eigentlich auch die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky, gerade in der Orchesterbearbeitung von Maurice Ravel. Eben durch die Hand des Franzosen ist dieser Gang durch eine Ausstellung mäßiger Qualität klanglich geadelt worden. Gilbert Varga jedoch ließ die Sorgfalt vermissen, die diesen heterogenen Sätzen zuteil werden muss, soll am Ende nach dem Schritt durch das „Große Tor von Kiew“ nicht der Eindruck entstehen, es sei nun gut, dass die Ausstellung doch noch zum Ende gekommen ist.  Vor allem am Klang wurde zu wenig gearbeitet, aber auch an der Melodienzeichnung, die er noch in der „Toteninsel“ so wichtig genommen hatte. Es ging Varga allein um Effekte, sein mehr als effektvolles Dirigieren war dafür beredtes Zeichen. Gerade die Promenanden nahm Varga zu beiläufig, sie bildeten eben nicht den Hallraum, in dem die Eindrücke des gerade Gesehenen und Gehörten noch nachwirkten, sondern standen für sich. Etwas schlampig spielte auch das Orchester, die Einsätze nicht einheitlich, die Solo-Passagen etwas fahrig gestaltet, allezu viel Probenzeit wird nicht zur Verfügung gestanden haben. Dennoch reichlich Applaus, das Haus war schließlich voll und keinen Eindruck kann dieses Stück gar nicht machen.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin : Gilbert Varga

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Sergej Prokofieff, Modest Mussorgsky

Mitwirkende: Gilbert Varga (Dirigent), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Orchester)

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Detailinformationen zum Veranstalter Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

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