> > > > > 28.03.2009
Montag, 3. August 2020

Rauschhafte Aufführung von Braunfels'

Hört her, ein Meisterwerk!

Nicht wiederzuerkennen war das Konzerthaus Berlin anlässlich der Aufführung von Walter Braunfels? Oper ?Die Vögel? nach Aristophanes. Lothar Zagrosek hatte im Interview mit klassik.com ja bereits angekündigt, dass Umbauten für ein besonderes Konzertgefühl sorgen würden. Und tatsächlich wurde der Saal für nur zwei Abende zum Amphitheater total umgestaltet. Sieben Reihen Plätze verschwanden, die übrigen schoben sich steil in die Höhe und erreichten schließlich den rückwärtigen Balkon. Gleiches Bild auf der anderen Seite, wo der kraftvolle Ernst-Senff-Chor hinter einer großen, frei im Raum schwebenden eiförmigen Projektionsfläche Platz genommen hatte. Dazwischen saß ebenerdig das Orchester und mittendrin erhoben sich auf bis zu drei Meter hohen Podesten die Sänger.

Begeisterung bei den Berlinern

Von ihrer erhöhten Position hatten sie leichtes Spiel, über das Orchester zu tönen. Unglaublich präsent, klar und in der Abmischung ausgewogen klang das Resultat, ein gerade auch orchestraler Klangrausch, der die impressionistisch, spätromantische Partitur von Walter Braunfels frisch leuchten ließ. Es ist ein Verdienst des Konzerthausorchesters und seines Chefs Lothar Zagrosek, dass sie den Berlinern das großartige Stück vorstellten. Der volle Saal dankte mit starken, bravoreichem Applaus für das Erlebnis dieser Opernrarität.

Nach seiner Uraufführung 1920 in München waren ?Die Vögel? viel gespielt worden, bis die Nazis den Komponisten und seine Musik zum Verstummen brachten. Nach 1945, als sich Braunfels einmal mehr um den Aufbau der Kölner Musikhochschule verdient machte, blieb seine Musik ein Randphänomen, wurde als Relikt einer vergangenen Epoche angesehen. Allein ?Die Vögel?, sein Meisterwerk,  retteten seinen Namen bis in die Neunziger Jahre hinüber, als eine Neueinspielung des Werks unter Zagrosek Braunfels wieder bekannter machte.

Obwohl man im Konzerthaus die Form einer statischen Operninstallation wählte, hat das Werk mit dieser rauschhaften Aufführung einmal mehr seine Tauglichkeit unter Beweis gestellt. Geradezu beglückend waren die Ensembles, gerade die Momente, in denen sich die anschmiegsam weiche Stimme von Marisol Montalvo als Nachtigall, der etwas härtere, aber leuchtende Sopran von Anna Prohaska als Zaunschlüpfer und der dunkle Mezzo von Ulrike Helzel als 1. Drossel ineinanderschwangen.

Mehr als eine konzertante Aufführung?

Eigentlich findet Lothar Zagrosek konzertante Opernaufführungen peinlich. Das Publikum verstünde dabei nichts, sagte er im Interview. Nur der absolute Optimist darf annehmen, dass es diese Operninstallation vermochte, den Hörern die Handlung nahe zu bringen; viel mehr als eine konzertante Opernaufführung war sie eben auch nicht. Zwar bemühten sich die Sänger wie der frech, charakteristische Joachim Goltz als Ratefreund, der düster strahlende Konrad Jarnot als Prometheus und der majestätisch kraftvolle Jochen Kupfer als Wiedhopf um maximale Textverständlichkeit. Doch letztlich braucht es doch Inszenierung und klare Bilder, um die märchenhafte, aber ebenso symbolverliebte Handlung plausibel zu machen. Andernfalls wird das Geschehen zur bloßen Impression. So geschehen in der großen Szene zwischen Nachtigall und Hoffegut am Beginn des 2. Aktes. Sowohl Jeffrey Francis als auch Marisol Montalvo sangen wunderschön, mit schlanken, fast unangestrengt freien Stimmen. Doch was sie sangen, das blieb im Dunkeln.

Da die Konzeption von Sabrina Hölzer gänzlich auf szenische Elemente oder Bewegungen verzichtete, fehlte das illustrative Element. Einzig die Videoprojektionen von Volker März und Jürgen Salzmann konnten als eine Art Interpretation szenischer Vorgänge gedeutet werden. So blendeten sie etwa die Köpfe von Wilhelm II. Mussolini oder Goebbels als grobe Malerei ein, als Ratefreund den Vögeln riet, sich über die Götter zu erheben und eine Stadt zwischen Himmel und Erde zu errichten. Mehr als Denkanstoß konnten und wollten die Bilder aber nicht sein. Gerade im ersten Teil, in dem die Schilderung der vermeintlich unbelastet natürlichen Welt der Vögel großen Raum einnimmt, störte ihre Sinnoffenheit eher.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Walter Braunfels: Die Vögel: Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Walter Braunfels

Mitwirkende: Ernst-Senff-Chor (Chor), Lothar Zagrosek (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Anna Prohaska (Solist Gesang), Ulrike Helzel (Solist Gesang), Joachim Goltz (Solist Gesang), Konrad Jarnot (Solist Gesang), Jochen Kupfer (Solist Gesang)

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