> > > > > 06.03.2009
Samstag, 10. Dezember 2022

Wie eine Regisseurin eine Uraufführung verhindert

Zueinander kommt hier gar nichts

Das Werk des Komponisten Jörg Herchet mit dem Text von Jörg Milbradt für einen Sänger, einen Schauspieler und eine Tänzerin mit dem Titel 'Zueinander' reicht der Regisseurin Julia Haebler so wie es ist nicht aus. Zur ersten Präsentation in der kleinen szene der Sächsischen Staatsoper begeben sich nach ihrem Willen zwei Sängerinnen, Lin Lin Fan und Sofi Lorentzen, zwei Sänger, Clemens Heidrich und Andreas Petzoldt, dazu eine Tänzerin, Carola Schwab und ein Schauspieler, Ahmad Mesgarha, auf die Spielfläche der Kammerbühne. Das Publikum sitzt auf beiden Seiten längs davon, eine herrschaftliche Doppeltür nimmt den Boden der Bühne ein, beidseitig begrenzt von jeweils höher gesetzten Türen, zu denen schiefe Spiegelebenen führen. Hinter der einen Tür ist so gut wie nichts, hinter der anderen, auf einer Empore sind die Musiker unter der Leitung von Gelsomino Rocco platziert, denen gemeinsam mit den Sängern höchstes Lob gebührt.

Es ist eine kammermusikalische Komposition für Violoncello, Flöte, Klarinette, Horn, Pauken, Schlagwerk und Harfe. Die sechs Protagonisten agieren auch hinter den Publikumsreihen.

Wenn man sie hören kann, da viel Aktionismus auch etliches an nicht komponiertem Geräuschmix dazu gibt, geht von der Musik immer wieder so etwas wie spirituelle Konzentration aus. Auch Passagen der Erregung sind zu vernehmen, kommentierende Klänge, immer wieder, auch nur getragen von einzelnen Instrumenten, zu den gesungenen und gesprochenen Textpassagen, die scheinbar nicht so gegenständlich verstanden sein wollen, wie es uns die Regisseurin übereifrig und deutungsbeflissen demonstriert. Milbradts Text, bewusst angelehnt an Heinrich von Kleists Essay 'Über das Marionettentheater' ist ja auch nicht szenisch im eigentlichen Sinne, er umspielt und umkreist eher die Ohnmacht gegenüber jener unendlichen Geschichte vom Verlust der Unschuld und den verschlossenen Pforten des Paradieses, und die Spielarten menschlicher List und Phantasie, und sei dazu die Erde zu umrunden, zu erkunden, ob nicht doch ein Hintereingang zu finden wäre um erneut die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu genießen. Natürlich sind solange diese Wege in die Einsamkeit und Irre führen die Kategorien in schändlichster Verwirrung. Und natürlich bietet sich hier auch genügend Assoziationsraum für eine Inszenierung, die einen Raum eröffnet, in dem Spiele um den Widerstreit zwischen Vernunft und Gefühl ausgetragen werden.

Aber mit ihren eindeutigen Zuordnungen und den fortwährenden Griffen in die Kiste sattsam bekannter Klischees verschließt die Regisseurin den Raum der Fantasie eher als ihn zu öffnen. Als habe sie ein Problem mit der Vorlage, mit Musik und Text, eröffnet sie mir gar keine Möglichkeit, mich davon ansprechen zu lassen, denn ich werde beständig von ihr angesprochen und agitiert.

Zwei Sängerinnen und ein Sänger in schwarzer Abendrobe sollen wohl die Mächtigen sein, ein weiterer Sänger und die Tänzerin die Ohnmächtigen, der Schauspieler, als Betrachter wird bisweilen der zweiten Gruppe zugeordnet. Die schwarzen Gestalten foltern die anderen, verhöhnen sie ob ihrer Defizite, körperlicher und geistiger Art, betrachten begierig deren Unglück samt ihren halsbrecherischen Versuchen, diesem zu entkommen. Und da wird dann alles aufgefahren, von schwarzen Folterkaputzen bis Klebeband auf nackter Haut.

Am Ende, wenn man erfahren hat, wie lang 80 Minuten werden können, wenn Ruhe einkehrt, wenn sich die Musiker in einer Reminiszenz an Haydn als Jahresjubilar einzeln verflüchtigen, ihre Töne verhauchen, wenn wir in akustisch-medialer Erweiterung endlich Tönen nachhören und sinnen können, ist der Wunsch da, wir sollten es noch einmal hören und die eigenen Bilder entstehen lassen dürfen, zu Klang und Wort und angemessener Bewegung. Wir sollten zueinander kommen dürfen. Was wohl als feingliedriges Kammerspiel gedacht sein mag wird zum groben Spektakel, das an diesem Abend mit viel familiärem, kollegialem und freundschaftlichem Applaus bedacht wird.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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