> > > > > 19.01.2009
Mittwoch, 17. August 2022

Hochklassiger Konzertabend in Ludwigshafen

Lyrisch, pointiert, mitreißend

Seit 1998 sind unter dem Motto 'The Big Four' jeweils vier der größten Virtuosen einer Instrumentengattung – darunter in der Vergangenheit Persönlichkeiten wie Victoria Mullova, Alfred Brendel, Mischa Maiksy oder Daniel Hope – im Feierabendhaus der BASF in Ludwigshafen zu Gast. Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens hat man nun das Konzept dieser Konzertreihe verändert, um mit Martha Argerich, Gidon Kremer und Heinrich Schiff bekannte Künstler aus den drei gebräuchlichsten Instrumentengattungen Klavier, Violine und Violoncello zu präsentieren und ihnen mit dem Oboisten Albrecht Meyer erstmals auch einen Vertreter der Gattung Blasinstrumente gegenüber zu stellen. Dieser trat am Montagabend im BASF-Feierabendhaus als Solist gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Leitung von Tugan Sokhiev in Erscheinung und demonstrierte in zwei von insgesamt vier regulären Programmpunkten seine besonderen Fähigkeiten.

Den Beginn des Konzerts markierte Wolfgang Amadeus Mozarts Andante KV 315, ein Originalwerk für Flöte und Orchester, das Mayer jedoch für sein eigenes Instrument bearbeitet hat. Schon diese erste Nummer demonstrierte den Hang des Oboisten zur kantabel geformten Linie, durch das sein Spiel zwar einerseits ausgesprochen lyrische Qualitäten gewinnt, andererseits jedoch – gerade aufgrund des dichten Legatospiels – in Bezug auf Phrasierung und Artikulation auch Möglichkeiten des Ausdrucks einbüßt. Mayer kompensierte dies mit einer kaum merklichen Freiheit, mit der er gleichsam 'rhapsodisch' die erklingenden Figurationen minimal gegenüber den regulären Zählzeiten verschiebt und dadurch der Darstellung von vornherein jegliche Starre nahm.

Wie geschaffen für Mayers am Gesang orientiertes Ausdrucksbedürfnis wirkte indes das Konzert D-Dur für Oboe und kleines Orchester von Richard Strauss, mit dem der Solist nach der Pause den zweiten Teil des Abends eröffnete. Mit vorbildlichem Spannungsaufbau innerhalb der Soloteile und tonlicher Intensität interpretierte er das schwierige Stück, dabei immer die kontrastierenden Musiziersituationen zwischen vordergründig solistischem Vortrag und eher dialogisch ausgerichteten, in Wechselwirkung mit verschiedenen Orchestersolisten oder einzelnen Instrumentengruppen angelegten Passagen berücksichtigend und gerade hier bisweilen zu enormer klanglicher Intimität findend. Sein agogisches Geschickt stellte Mayer in den Dienst einer lebendigen Gestaltung der melodischen Phrasen, aus der vor allem die weiten Melodiebögen des langsamen Satzes herausragten, und gelangte schließlich im letzten Satz zu einer bewundernswerten Leichtigkeit des Ausdrucks, die dem Konzert ein in sich abgerundetes Erscheinungsbild verlieh. Aufgrund seiner starken Bühnenpräsenz wirkte der Oboist hier wesentlich überzeugender als auf manchen seiner CDs, so dass auch die als Zugabe vorgetragene Bach-Bearbeitung durch ihre Atmosphäre fesselte.

Zweiter Star des Abends war zweifellos das Mahler Chamber Orchestra, das mit hoher Spielkultur und bewundernswertem Perfektionsgrad agierte. Auch wenn die Orchesterteile des Strausschen Konzerts für meinen Geschmack gelegentlich eine Spur zu massiv gerieten und die Begleitung in Mozarts 'Andante' zurückhaltender hätte sein können, präsentierte sich das Ensemble ansonsten von seiner besten Seite. Dass Sokhiev mit präzisen, oft minimalistisch anmutenden Dirigiergesten das Maximum aus dem Klangkörper herauszuholen wusste, zeigte die spritzige Umsetzung von Igor Strawinkskys 'Pulcinella-Suite': Die pointierte, den Aspekt der instrumentalen Virtuosität nach außen kehrende Lesart dieser frech gegen den Strich gebürsteten Barockmusik trieb manchem Zuhörer das Schmunzeln ins Gesicht und setzte in den raschen Werkteilen die musikalischen Übertreibungen ins rechte Licht, ohne jedoch die lyrischen Momente (wie jene in der 'Serenata' und  der 'Gavotte con due variazioni') zu vernachlässigen. Ein exzellentes Bläserensemble begeisterte hier ebenso wie die präzise umgesetzten Solo-Tutti-Wirkungen, denen Strawinsky immer wieder in Anlehnung an die Tradition des Concerto grosso stattgibt.

Als Pendant hierzu erklang schließlich im zweiten Teil Felix Mendelssohn Bartholdys 'italienische' Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90, bei deren Wiedergabe Sokhiev vor allem in den beiden Mittelsätzen die klanglichen Möglichkeiten des Mahler Chamber Orchestra sehr differenziert zur Zeichnung der unterschiedlichen Satzcharaktere einsetzte, dabei aber auch diesmal wieder – wie der abschließende 'Saltarello'-Satz oder die Durchführung des Kopfsatzes bewiesen – der virtuosen Spielkultur der Musikerinnen und Musiker zu ihrem Recht verhalf. Das Publikum dankte es den Mitwirkenden mit stürmischem Applaus und verdiente sich damit am Ende der Veranstaltung zwei mitreißende Zugaben – die 'Gavotte' aus Sergej Prokovjews 'Symphonie classique' sowie Mozarts Ouvertüren zu "Le nozze di Figaro" und 'Così fan tutte' –, die den positiven Eindruck des gesamten Konzerts noch einmal nachdrücklich unterstrichen.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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The Big Four: Albrecht Mayer & Mahler Chamber Orchestra

Ort: BASF Feierabendhaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Richard Strauss

Mitwirkende: Mahler Chamber Orchestra (Orchester), Albrecht Meyer (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter BASF Kunst & Kultur

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