> > > > > 30.11.2008
Donnerstag, 8. Dezember 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ballett der Semperoper tanzt 'La Bayadère'

Wer wagt, gewinnt

Es gibt ja nur wenige Ballettcompagnien, die sich zutrauen dürfen, diese getanzte und gemimte Dreiecksgeschichte um den edlen Krieger Solor, seine Verlobte Hamsatti und die reine Tempeltänzerin Nikija, aus der Blütezeit des russischen Balletts, das in den Farben einer indischen Nachthimmelfantasie unter Palmen im exotischen Zauber der klassischen Gassenbühne spielt, zu inszenieren.

Dresden wagt. Dresden gewinnt.

Soweit mir bekannt, hat das Staatsballett Berlin eine Fassung im Repertoire, ebenso München und Hamburg seine Versionen. In Paris wird Nurejews Londoner Inszenierung gehütet und gepflegt.

In Dresden stellt Aaron S. Watkin jetzt eine zweiaktige Fassung vor und zur Diskussion. Er strafft die Handlung, nimmt aber so gut wie alle Motive der inzwischen nicht mehr üblichen fünfaktigen Fassung auf und schafft es, das Traumbild im Schattenreich, mit dem Nurejew seine Version enden ließ, als wesentliche Sequenz in den Handlungsverlauf einzubinden. Er schafft es sogar, die Tradition jener weißen Wesen einzubinden, deren Erscheinung nicht für jeden wahrnehmbar ist, indem er in der Hochzeitszeremonie als konsequentes Zitat der 45 Jahre älteren Pariser ‚Sylphidentradition’ Filippo Taglionis, die Bayadère als weißes Wesen durch Raum und Zeit schweben lässt. Damit führt er den Krieger in den tödlichen Konflikt. In dem Moment, da er erkennt, dass mindestens zwei, wenn nicht gar drei, Wesen in seiner Brust wohnen, Watkin stellt einen Freund an seine Seite, wanken Grundfesten bis dahin streng gehüteter Ordnungen. Und weil in diesem Tanz der schönen Menschen letztlich doch weit mehr zusammenbricht als das Leben der drei Protagonisten, stürzt am Ende folgerichtig auch der Tempel als Symbol ewiger Ordnungen ein, was als Theatereffekt in Dresden etwas dürftig vonstatten geht.

Ansonsten hat Arne Walter Bühnenbilder geschaffen, in denen das Auge spazieren gehen kann, die zudem rasche Wechsel möglich machen, deren Prospekte in Bert Dalhuysens Licht von großer Wirkung sind, in die sich die farbintensiven Kostüme von Erik Västhed geschmackvoll fügen.

Die Solisten Bubenícek, Juleen und Sologub sind brillant

Für die anspruchsvollen Hauptpartien sind in Dresden mindestens drei Besetzungen angekündigt. Zur Premiere macht Jirí Bubenícek als Solor dem Namen seiner Partie alle Ehre. Er steigert seinen sensiblen Tanz im Verlauf des Abends zu verblüffenden drehenden Sprungkombinationen. Eine leichte Melancholie ist diesem Tänzer eigen, was dem Zwiespalt seiner Situation sehr zugute kommt. Dass er so seltsam, scheinbar unberührt, zwischen den Frauen steht, mag zunächst den Betrachter verwundern, nimmt aber mehr und mehr ein als Facette seiner Ausweglosigkeit. Natalia Sologub verfügt über ein Repertoire edler Haltungen, an Brillanz mangelt es nicht. Besonders bewegend, ihr klagender Tanz auf der Verlobungsfeier und ihr Auftritt im Schattenreich. Britt Juleen als Hamsatti bringt ob ihrer hohen schlanken Erscheinung einen faszinierenden Hauch der Zerbrechlichkeit für diese oftmals zu einseitig interpretierte Rolle ins Spiel. Da ist mehr als Rivalität zu spüren, das ist auch Verlustangst, Einsamkeit und das Erahnen der Gnadenlosigkeit des Überlebens. Die Zuspitzung der Konflikte insgesamt kann noch Schärfungen und Raffinessen vertragen, dann wird auch klarer erkennbar sein, warum Watkin zugunsten derer auf allzu große Aufmärsche und Paraden verzichtet.

Höchstes Glück im Opiumrausch

Hut ab und tiefe Verbeugung vor den 24 Tänzerinnen des Dresdner Corps de ballet, die im berühmten Königreich der Schatten als ins Unendliche gesteigerte Widerspiegelung der geliebten, intrigant getöteten Tempeltänzerin Nikija dem untreuen Krieger Solor in der Nacht vor der Hochzeit mit Hamsatti im Opiumdunst erscheinen. Mit dieser Choreografie, bei der die Tänzerinnen in einem weißen Bild bei gleichen Bewegungen auf einer Rampe serpentinenartig in höchster Konzentration, wie aus dem Nichts kommend, traumwandlerisch in den Raum hinunter schweben, beweist eine Compagnie ihr Können oder nicht. Die Dresdner Tänzerinnen beweisen ihr Können. Ihre Art dieses Traumtanzes von Altmeister Marius Petipa, seit seiner Uraufführung 1877 in St. Petersburg, ein Juwel der Ballettgeschichte, ist ein Traum. Wie im Gedicht Worte, Silben und einzelne Laute zum Klang aus Assoziationen werden, so in diesem Tanzgedicht die Bewegungen in ihren Überlagerungen und Vervielfachungen zu einem Bild, das die Wahrnehmung verschwimmen lässt. Der Einbruch des Traumes in die Realität, die Außerkraftsetzung des Gewohnten, die Essenz des Tanzes in den Momenten der Ahnungen möglicher Grenzüberschreitungen.

Bleibt nach der Ehrenerweisung für die Damen des Corps de ballet die dankbare Verbeugung vor dem gesamten Ensemble sowie vor den Damen und Herren der Staatskapelle, die unter der Leitung von David Coleman mit Kai Vogler und Peter Bruns als Solisten einen Maßstab setzen. Klangschön, elegant und vor allem exakt in der Einordnung zum Gesamtgeschehen aus Musik und Bewegung, veredeln sie manch schlichte, immer dem Tanz dienende, Melodie der Partitur von Ludwig Minkus.


dresden SemperOper ballett
Denis Veginy Die Schatten Ensemble

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Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


dresden SemperOper ballett: La Bayadère – Die Tempeltänzerin

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Ludwig Minkus

Mitwirkende: Aaaron S. Watkin (Choreographie), David Coleman (Dirigent)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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