> > > > > 30.11.2008
Dienstag, 25. Januar 2022

Franz Schubert

Gidon Kremer und die Kremerata Baltica

Kremer à la Carte

Seit 1998 sind unter dem Motto 'The Big Four' jeweils vier der größten Virtuosen einer Instrumentengattung – darunter in der Vergangenheit Persönlichkeiten wie Victoria Mullova, Alfred Brendel, Mischa Maiksy oder Daniel Hope – im Feierabendhaus der BASF in Ludwigshafen zu Gast. Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens hat man nun das Konzept dieser Konzertreihe verändert, um mit Martha Argerich, Gidon Kremer und Heinrich Schiff bekannte Künstler aus den drei gebräuchlichsten Instrumentengattungen Klavier, Violine und Violoncello zu präsentieren und ihnen mit dem Oboisten Albrecht Meyer erstmals auch einen Vertreter der Gattung Blasinstrumente gegenüber zu stellen. Eröffnet wurde der über die ganze Saison verteilte Reigen von hochrangigen Solistenkonzerten am Sonntagabend mit einer Veranstaltung, die der Geiger Gidon Kremer gemeinsam mit der Kremerata Baltica, dem von ihm 1997 gegründeten Streichorchester aus jungen Musikerinnen und Musikern aus dem Baltikum, gestaltete.

Die zu Gehör gebrachte Abfolge von Werken war charakteristisch für die Art, wie Kremer als künstlerischer Leiter die Programme durchgestaltet, indem er bekanntere Stücke in Bearbeitungen erklingen lässt und nebenbei auch unbekannteren, speziell für das Ensemble komponierten Werken Raum gibt. Den Anfang machte eine Streichorchesterversion von Reinhold Glières Oktett D-Dur op. 5, in der das ohne Dirigenten agierende Ensemble seine hohe Klangkultur und große Professionalität unter Beweis stellte und damit die Erwartungen an den weiteren Verlauf des Abends sehr hoch steckte. Rhythmische Prägnanz und klangvolle Formung bestimmten hier die raschen Sätze, die differenzierte und meist sehr durchsichtigte Gestaltung durch wechselnden Einsatz von Solo- und Tuttipassagen brachten die orchestralen Qualitäten der Partitur besonders gut zur Geltung.

Als Pendant zu diesem kraftvollen Werk erklang als zweites Stück die für Kremer und die Kremerata Baltica komponierte 'Barcarole' für Violine, Streicher und Percussion von Victor Kissine. Die stellenweise ebenso herbe wie sphärische Klanglichkeit des Werkes, die sich von Zeit zu Zeit im regelmäßigen Puls der tiefen Stimmen fängt, schuf einen intimen Rahmen für die von Kremer vorgetragenen filigranen Arpeggien und melodischen Gesten in hohen Registern, ergänzt durch sparsam eingesetzte Klangfarben, die der Schlagzeuger Andrei Pushkarev immer wieder beisteuerte. Allerdings hinterließ der Geiger hier bisweilen einen Eindruck von Flüchtigkeit, was die Wirkung der permanent in sich kreisenden Musik nicht gerade verstärkte.

Die zweite Hälfte des Konzerts begann mit Franz Schuberts Sonate a-Moll D 385, dessen Klavierpart Michail Zinman und Andrei Pushkarev für Streicher und Pauke bearbeitet hatten. Das prinzipiell interessante Experiment zeichnete sich durch eine überzeugende, klanglich aber nicht immer ideal zwischen Solist und Orchester ausbalancierte Wiedergabe aus. Allerdings blieb das Ergebnis aufgrund der Bearbeitung letztlich etwas blass: Zinmans und Pushkarevs Methode, den Klavierpart eins zu eins ins Streichorchester zu übertragen, die zu manch anachronostisch wirkenden pianistischen Begleitfiguren in den Streichern führte, ließ das Nachdenken über eine instrumentengerechte Anpassung vermissen. Dadurch, dass Schubert in seinem Original darüber hinaus dem Klavier häufig die thematische Priorität einräumt, während er die Violine über weite Passagen eher an zweite Stelle setzt, geriet das Ergebnis zusätzlich in Schieflage, weil die Untergeordnetheit des Geigers bei der Gegenüberstellung von Solist und Orchester weit stärker hervortritt als beim kammermusikalischen Musizieren.

Mit der Komposition 'Blühender Jamin' von Georgs Pelecis und der 'Suite Punta del Este' traten dann abschließend Kremer und Pushkarev (letzterer am Vibraphon) gemeinsam solistisch hervor. Pelecis’ Werk, ein über wohlklingenden, immer wiederkehrenden Akkordfolgen sich ereignender Variationenreigen, ließ den beiden Solisten genug Spielraum für die Ausgestaltung ihrer Stimmen, was ein wenig für die reichlich naive Idee des Komponisten entschädigte. Mit Piazzollas dreisätziger Suite, auch hier wieder in einem Arrangement von Pushkarev zu hören, gelang jedoch ein faszinierender, von der Kremerata Baltica musikalisch dicht musizierter Schlusspunkt. Insbesondere die bisweilen an Jazz-Imporvisationen gemahnenden Dialogpassagen zwischen Violine und Vibraphon gaben den Solisten viel Gelegenheit für ein ausgefeiltes und virtuoses Aufeinander-Reagieren, bei dem Pushkarev durch seine locker umgesetzten Vibraphon-Künste zum heimlichen Star des Abends avancierte.

Das insgesamt gelungene Konzert verdeutlicht vor allem eines: Dass die BASF bei ihrer ambionierten Konzertreihe 'The Big Four' – bei der es sich wiederum nur um eine von vielen weiteren Reihen aus dem Programm der aktuellen Saison handelt – ein glückliches Händchen beweist und mit höchster musikalischer Qualität aufwarten kann. Angesichts des zunehmend einander angeglichenen Erscheinungsbilds großer Konzerthäuser wird hier erfreulicher Weise ein erkennbar eigenes Profil sichtbar, das eigentlich über die Rhein-Neckar-Region hinaus Beachtung verdient.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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The Big Four: Gidon Kremer & Kremerata Baltica

Ort: BASF Feierabendhaus,

Werke von: Reinhold Glière, Franz Schubert, Victor Kissine, Astor Piazzolla

Mitwirkende: Baltica Kremerata (Orchester), Gidon Kremer (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter BASF Kunst & Kultur

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