> > > > > 22.02.2009
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Donald Runnicles dirigiert „Tristan und Isolde“

Weltatem in der Semperoper

Nach längerer Pause steht Richard Wagners Handlung in drei Aufzügen „Tristan und Isolde“ in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli, der auch das Bühnenbild schuf, aus dem Jahre 1995 wieder auf dem Dresdner Opernspielplan. Den Abend der gründlich vorbereiteten Wiederaufnahme wird man zu den außergewöhnlichen der Saison zählen müssen.

Mit Spannung hatte man darauf gewartet, wie Daniele Gatti nach seinem spektakulären Dirigat des ersten Parsifal-Aufzuges in der Frauenkirche vor etlicher Zeit, jetzt erstmals ein Werk Wagners in der Oper interpretieren würde. Der Dirigent erkrankte leider, die Zeit wurde knapp, verantwortungsbewusst sagte er ab. Von einem „Ersatz“ zu sprechen wäre Hohn, denn es gelang der Leitung des Hauses Donald Runnicles zu verpflichten. Gratulation!

Sofort, mit dem Einsatz der Violoncelli, deren aufsteigender Bewegung, dann wieder absinkend als milder Seufzer, das Einsetzen der Holzbläser, der berühmte dissonante Akkord, keine Ruhe, keine Auflösung, keine Entspannung, Donald Runnicles führt uns mit den Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle bei seinem ersten Dresdner Operndirigat sofort in den Sog der beunruhigenden Tristan-Musik. Kein Entrinnen. Wir sind gebannt und kommen wieder einmal aus dem Staunen nicht heraus. Da gibt es verlöschende Passagen, bis ins allerzarteste Pianissimo geführt, dann wieder eruptive Szenen, glühend und berstend, Erregungszustände, flatternd nach dem Verklingen ferner Hörnerklänge in der Einleitung zum zweiten Aufzug mit dem nachttrunkenen und weltentrückten Liebesduett und König Markes großer Klage. Dumpf und hoffnungslos die Seufzer des Orchesters im letzten Vorspiel, überraschend dann aber die Passagen der Violinen, die schon entrückt aufzusteigen scheinen, und wieder zarte Sehnsucht, Horn und Cello und ein Klangbild intimster Zweisamkeit zweier Hörner. Die Staatskapelle spielt ihren Wagner, wir sind dabei, es ist ein Privileg.

Ausnahmslos überzeugende Leistungen der Solistinnen und Solisten, beginnend bei den wunderbar singenden Herren Gerald Hupach, Matthias Henneberg und Martin Homrich in den sogenannten kleineren Partien als Hirte, Steuermann und Seemann. Dass sich im Gesang Christoph Pohls in der Partie des Melot Größeres ankündigt, ist unüberhörbar. Boaz Daniel, mit jungem und kernigem Baritonklang ist der neue Kurvenal. Janina Baechle mit ihrem fulminanten Mezzosopran hat als Brangäne ihre besondere Szene im zweiten Akt als mahnende Wächterin, wenn sich der Klang ihrer Stimme aus der Höhe des Opernhauses herab verströmt. Jan-Hendrick Rootering weiß die Tragik König Markes zu vermitteln. Alfons Eberz hat in der mörderischen Partie des Tristan bezwingende Momente, seine dramatische Gestaltung im fiebernden Wahns des Sterbenden im dritten Aufzug kann man nur voller Bewunderung zu den großen Opernerlebnissen zählen. Dass Evelyn Herlitzius eine Garantin für spannendes Musiktheater ist, wussten wir. Dass sie eine hochdramatische Isolde von besonderem Format und Anspruch ist, wissen wir jetzt. Ihr Dresdner Debüt in dieser Partie gestaltet sich zum bejubelten Triumpf nach atemberaubenden Szenen des genau akzentuierten Spiels und ihres Singens mit den Facetten der Leidenschaft. Wagners „Weltatem“, von dem Evelyn Herlitzius zum Finale im „Liebestod“ singt, der vom Ensemble, der Staatskapelle und vor allem von Donald Runnicles an deren Pult ausgeht, wehte lange nicht so stark durch die Semperoper.

Nach anfänglich schleppendem Verkauf muss sich in Dresden herumgesprochen haben, dass dieser Abend verspricht, ein besonderer zu werden. So gab es ungewöhnlichen Bedarf an der Abendkasse, das Opernhaus war nicht ausverkauft aber gut gefüllt und der Abend lebte nicht zuletzt von der besonderen Stimmung des gemeinsamen Interesses.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Wagner, Tristan und Isolde

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Donald Runnicles (Dirigent), Marco Arturo Marelli (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Evelyn Herlitzius (Solist Gesang), Alfons Eberz (Solist Gesang), Jan-Hendrik Rootering (Solist Gesang), Janina Baechle (Solist Gesang), Boaz Daniel (Solist Gesang), Martin Homrich (Solist Gesang), Matthias Henneberg (Solist Gesang), Gerald Hupach (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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