> > > > > 25.01.2009
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

100 Jahre 'Elektra' in Dresden

Triff noch einmal

Andrang und Preise wie in Bayreuth zur Dresdner Richard-Strauss-Woche des Jahres 1909. 'Aus allen Musikzentren sind Kenner und Könner von Rang und Ruf herbeigeeilt, um Zeugen des großen Tages im Semper-Heiligtum zu werden.' Der 'große Tag' von dem die Abendausgabe der Dresdner Nachrichten vom 26.1.1909 spricht, war der 25. Januar vor 100 Jahren. Was diesen Tag so groß machte konnte man schon drei Tage später in ganz Deutschland in der Illustrierten Zeitung lesen, er 'machte die Welt des Theaters um eine Sensation reicher. Sie hieß 'Elektra'. Stätte der Geburt Dresden. Urheber: Richard Strauß und Hugo von Hofmannsthal. Mithelfer: der künstlerisch-glänzende orchestrale, szenische, solistische Apparat der Königlichen Hofoper…'

Genau auf den Tag, 100 Jahre nach der Uraufführung, am 25. Januar dieses Jahres, gab es eine denkwürdige Aufführung der Oper 'Elektra' in der Dresdner Semperoper. Es handelt sich dabei um die noch immer elektrisierende Inszenierung von Ruth Berghaus (1927–1996) aus dem Jahre 1986, die ein Jahr nach der Eröffnung des dritten Dresdner Semperbaus im wahrsten Sinne des Wortes auf die Bühne kam, denn die Erweiterungsmöglichkeiten für den Orchestergraben waren beim Neubau nicht vorgesehen und somit hatte das große Strauss-Orchester keinen Platz im neuen Graben. Die szenische 'Notlösung' erwies sich als geniale Lösung, die bis heute optisch und musikalisch besticht. Ruth Berghaus platzierte das Orchester auf der Bühne, ließ das Geschehen aus der Musik aufsteigen, wozu Hans-Dieter Schal einen Betonturm mit verschiedenen Spielebenen aus dem Orchester heraus in die Bühnenhöhe aufragen ließ. Wachturm, Kommandoturm oder einfach 'Sprungturm' wie die Dresdner schnell ulkten. Für Ruth Berghaus vollzieht sich in der 'Elektra'-Handlung im Jahre 1986 in der DDR ein zermürbendes Warteritual mit Erlösungshoffnungen, die in die Ferne gehen. Die ihr Land mit der Seele suchende Iphigenie spielt als optisches Zitat eine entscheidende Rolle in diesem zwanghaften System hohler Rituale aus Grau und Schwarz. Hauptakteur ist das Orchester ohnehin, in dieser Inszenierung verschmelzen Orchesterklang und Gesangsstimmen zu einer konzeptionell gedachten Symbiose mit optischen Konsequenzen.

In der Jubiläumsaufführung steht Marc Albrecht am Pult der Sächsischen Staatskapelle und er lässt grandios aufspielen. Wucht und Weichheit, Aufschrei und einsame Klage, Pathos und sensibler Seelenklang. Da ist bei äußerester Konzentration immer wieder auch die emotionale Eingebung des Augenblicks. Und das von Strauß so sehr geliebte Orchester seiner Uraufführungen macht seiner Tradition und seinem Ruf große Ehre.

In den mörderischen Partien der antiken Tragödinnen Elektra, Chrysothemis und Klytämnestra, standen seit Annie Krull, Margarethe Siems und Ernestine Schumann-Heink, am 25. Januar 1909, in 100 Jahren bedeutende und bedeutendste Sängerinnen auf der Dresdner Opernbühne.

Zum Jubiläum übernimmt Janice Baiard die Titelpartie für die erkrankte Eva Johansson und vollbringt im Verlauf des Abends eine enorme Steigerung. In lyrischen Passagen hat die Sängerin ihre stärksten und berührenden Momente. So wie sie, nicht zum ersten Mal auf dem Dresdner Sprungturm, höhensicher Susan Anthony als Chrysothemis. Oftmals als Elektra hier gefeiert, nähert sich Gabriele Schnaut jetzt der alptraumbeladenen Klytämnestra und nährt mit diesem Debüt Hoffnungen auf weitere Möglichkeiten dieser Sängerin mit der schier unerschöpflichen Kraft.

Reiner Goldberg gibt den Aegist, Jukka Rasilainen ist der müde Rächer Orest. In der Brigade der Mägde sind Elisabeth Wilke und Birgit Fandrey in der dritten und fünften Position seit der Premiere dieser Aufführung im 23. Jahr dabei.

Jetzt, so meldet die Oper, wegen Verschleiß und sinkender Besucherzahlen, wird die Produktion abgesetzt. Letzte Möglichkeiten noch einmal dabei zu sein, am 28. Januar und am 2. Februar zur 80. und damit letzten Aufführung dieser Elektra in Dresden, bei der dann auch die Lichtstimmungen wieder stimmen und einige störende Nervositäten des szenischen Ablaufs behoben sein dürften. Das ist man der so auf Genauigkeit bedachten Berghaus schuldig.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Richard Strauss, Elektra

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Marc Albrecht (Dirigent), Ruth Berghaus (Inszenierung), Hugo von Hofmannsthal (Libretto), Staatskapelle Dresden (Orchester), Elisabeth Wilke (Solist Gesang), Jukka Rasilainen (Solist Gesang), Reiner Goldberg (Solist Gesang), Gabriele Schnaut (Solist Gesang), Susan Anthony (Solist Gesang), Birgit Fandrey (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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