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Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Liederabend mit Anja Harteros in der Semperoper

Sie kommt. Sie singt. Sie siegt.

So war es immer. Ob als berührende Mimi in Puccinis 'La Bohéme', bei der außerordentlich empfindungsreich gestalteten Partie der Desdemona 'Othello', auf dem Konzertpodium oder zuletzt im Adventskonzert des ZDF in der Dresdner Frauenkirche, Anja Harteros kommt, sie singt und sie siegt. Sie siegt nicht im Sinne eines kalkulierten Medienereignisses. Es bedarf keiner übergroßen Plakate, keiner vorab veröffentlichter Mutmaßungen oder Gerüchte, eines Skandals schon gar nicht. Es ist ihre Kunst, die überzeugt. Es ist die Unmittelbarkeit ihres Anspruches, gänzlich präsent zu sein, abzugeben, von dem was ihr mit Talent und Kunstsinn so reichlich gegeben ist. Jetzt stand Anja Harteros zum ersten Mal als Liedsängerin auf der Bühne in der Semperoper. Mit Charme und freundlicher Geste, die niemanden bloß stellt oder gar die Stimmung verdirbt, sondern alle sanft in die Angemessenheit der Situation führt, beendet sie sogar rasch den unbewusst störenden Applaus zwischen einzelnen Liedern.

Erscheinung und Klang gehen bei dieser Künstlerin in glücklicher Symbiose zusammen, Körpersprache und Gestus des Gesanges in seltener Kongruenz. Jetzt, sozusagen pur, ohne Opernbühne und Orchester, ist der Klang ihrer weit dimensionierten Sopranstimme von besonders beglückender Intensität. Ob in der Tiefe, in der Mittelage oder in den Höhen, der Stimmklang ist ausgeglichen, voller Wärme und Individualität. Diese Sängerin kann auf  Manierismen verzichten, sie bevorzugt die Direktheit des Tones, im piano wie im forte. Forcieren – was ist das? Die Fragen danach, wie sie etwas mache, welche technischen Raffinessen sie anwendet stellt sich gar nicht. Anja Harteros singt. Wer dabei ist hat Glück.

Ein Glücksfall ist der Pianist des Abends. Wolfram Rieger einen Begleiter zu nennen wäre ein Hohn, wiewohl ihm exzellente Tugenden des Zuspielens, aus dem dann das so großartige Zusammenspiel erwächst, eigen sind. Er musiziert mit der Sängerin, sein Spiel ist von eigener Poesie.

Am Anfang, Joseph Haydns 'Gebet zu Gott', meditativ und spirituell in der Grundierung. Dann bleibt das Programm den Abend über in nachdenklichem Ton, der mit der zweiten Zugabe, einer so expressiven wie verinnerlichten Interpretation der 'Zueignung' von Richard Strauss ganz abgerundet ausklingt. Vom Beginn bis zu  Schluss ein weit gespannter Bogen, ein romantischer Kosmos aus vornehmlich dunkel glühenden Farbklängen. Beethovens 'An die Hoffnung', in Form einer Kantate, gibt der Sängerin Raum für Töne einer Leonore, um gleich darauf den versöhnenden Ton für das bekannte Lied 'Zärtliche Liebe' zu treffen.

In der folgenden Gruppe von Schubert-Liedern mit dem todesnahen 'Schwanengesang' wird 'Gretchen am Spinnrad' zu einer wahrhaft beunruhigenden dramatischen Wahnsinnsszene. Fünf Lieder von Robert Schumann beschließen den ersten Teil. Vier Lieder von Richard Strauss nach der Pause. Eines  schöner als das andere. Nachdenklich zunächst 'Die Nacht', dann das Aufblühen bis zum lichten Glänzen einer aufbrechenden Frühlingsliebe in 'Wie sollten wir geheim sie halten', mit der Zärtlichkeit eines Wiegenliedes 'Meinem Kinde' und 'Befreit' mit den abschließenden Klangdimensionen einer Arabella, die Hoffnungen auf eine Ariadne wecken. Kaum zu glauben, es gibt noch eine Steigerung. Fünf Lieder von Johannes Brahms zum Abschluss, zwei Lieder von Richard Strauss als Zugaben. Bei Brahms noch einmal ganz andere Töne, Anja Harteros muss ihre Stimme nicht irgendwie dunkler klingen lassen um dieser Traurigkeit angemessene Farben zu geben. Ihr Vortag ist gesammelt, von hoher Konzentration, aus dieser Hingabe muss die Schönheit ihres natürlichen Gesanges kommen, der uns in beglückender Weise betrifft und eben nicht trickreich verblüfft. Wie die Sängerin in 'Der Tod, das ist die kühle Nacht', nach Heinrich Heine, in unaufdringlicher, doch ganz intensiver Interpretation, Tod und Traum, und Traum und Tod ineinander klingen lässt, gehört zu den intensivsten Momenten eines an solchen Eindrücken nicht gerade armen Abends, der mit dem Lied „Von ewiger Liebe“ offiziell ausklingt, bevor sie in der bereits erwähnten Zugabe singt, was die Stimmung im Opernhaus gut beschreibt, 'Habe Dank!'

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Sächsische Staatsoper Dresden Semperoper : Liederabend Anja Harteros

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Robert Schumann, Richard Strauss, Johannes Brahms

Mitwirkende: Anja Harteros (Solist Gesang), Wolfram Rieger (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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