> > > > > 29.05.2004
Samstag, 20. Juli 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Kurt Masur unterkühlt Franck und Rimski-Korsakow

Disziplin statt Leidenschaft

Das Konzert begann damit, dass es erst einmal nicht begann. Die immer mal wieder in ihrer Existenz bedrohten Dresdner Musikfestspiele hatten nämlich einen neu geschaffenen und von der Uhrenmanufaktur Glashütte Original gestifteten Preis zu vergeben. Das Preisgeld von 25.000 Euro ging an Kurt Masur, der 45 Minuten lang in Reden und Laudationes für sein musikalisches, politisches und humanitäres Lebenswerk gewürdigt wurde. Ob man mit einem derartigen Preis, bei einem Festival, das sich immer wieder gegen Spar- und Streichungszwänge zu wehren hat, nicht Sinnvolleres hätte anfangen können, als einen zu recht bereits hochrenommierten Maestro zu beglücken, fragten sich viele der Anwesenden. So begrüßenswert es ist, dass sich die Wirtschaft für Kunst und Kultur engagiert, so muss man sich doch auch fragen, ob es alleiniger Sinn einer solchen Partnerschaft sein sollte sich mit einem großen Namen zu schmücken.

Nach dem verbalen Vorspiel folgte dann das erste der beiden großen Orchesterstücke des Abends. Kurt Masur hatte das Orchestre National de France, dessen Chefdirigent er seit 2002 ist, nach Dresden mitgebracht. César Francks selten gehörte Symphonische Dichtung „Psyché“ aus dem Jahr 1887, in einer vor wenigen Jahren von Kurt Masur initiierten Fassung, die eine französischsprachige Sprecherpartie zur ursprünglichen Partitur hinzufügte, um heutigen Hörern die Zusammenhänge des Stückes erzählend näher zu bringen, stand am Beginn. Marianne Pousseur, ausgebildete Sängerin mit Schauspielerfahrung, übernahm den Part der Rezitation und beeindruckte durch die Souveränität mit der sie das Pathos des von John Guare neu geschaffenen Textes bewältigte. Kein übertriebenes Deklamieren und keine affektierten Ausbrüche bestimmten ihren Vortrag, sondern Natürlichkeit und äußerste Textverständlichkeit. Auch gemessen am Applaus der Zuschauer war sie der Höhepunkt dieses ersten Teils des Abends. César Francks Musik zur antiken Fabel, die sich an Episoden aus den „Metamorphosen“ des Apuleius orientiert, ist ein filigranes Klanggewebe, mit sich langsam entwickelnden Melodiebögen, warmen Klangfarben, mit einigen an Wagner geschulten Harmonien und mit einer an Brahms erinnernden Behandlung der in den Gesamtklang eingebundenen Soloinstrumente.

Das Orchestre National de France setzte diese stilistischen Vorgaben technisch einwandfrei um, überzeugte vor allem in der Pianokultur der Streichergruppen und einem organischen Gesamtklang. Und dennnoch, der musikalische Fluss, der Francks Komposition vorantreibt, wollte sich nicht recht einstellen. Die orchestralen Akzente ließen eine gewisse Entschlossenheit vermissen, gerieten zu weich und zu unauffällig. So entstand ein mehr flächiges, denn eine dynamisches Klangbild. Hinzu kam Masurs Tendenz, beständig neu anzusetzen, den melodischen Fluss durch Zäsuren zu unterbrechen, die Melodielinien blühten nicht richtig auf, sondern setzen genau berechnet einfach ein. So kamen Francks Einfälle wie Blöcke daher und die Bindung untereinander schien aufgehoben. In den tutti-Ausbrüchen der Partitur vermisste man abgestufte Steigerungen, Soloeinsätze gingen mehrmals unter. Die Partitur Francks bekam dadurch an vielen Stellen den Charakter des Waberns, Dahinplätscherns und nur gelegentlich – wie zu Beginn des abschließenden Teils (Pardon de Psyché) - blitzte eine französische ‚clarté’ in der Orchesterbehandlung auf, die auf Debussys Klangfarben oder Ravels Instrumentationskunst (etwa in „Daphnis et Chloé“) vorauswies. Wesentlich differenzierter musizierte da der Universitätschor Dresden, ein Laienensemble, der einige kommentierende Chorpassagen mit schönen piani der Soprane und kraftvollen Männerstimmen gestaltete.

Der zweite Teil des Abends gehörte dann ganz Rimski-Korsakows, übrigens nahezu zeitgleich mit Francks „Psyché“ entstandener, symphonischer Suite aus 1001 Nacht, „Scheherazade“. Ein grandioses Stück für das Tournee-Programm eines Orchesters, das dort in vielen Details seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann. Das Orchester National de France tat dies denn auch ohne Fehl und Tadel, die einzelnen Instrumentengruppen brillierten in ihren Episoden, die Soli atmeten Einfühlungsvermögen. Doch auch hier wollte sich, wie schon zuvor bei Franck, der durchgängige Sog, den die Partitur zu vermitteln mag, nicht recht einstellen. Auffallend war die große Bindung der Musiker an ihren Dirigenten, beständig suchten sie Kontakt zu den Orientierungshinweisen Masurs und schienen dabei das Aufeinanderhören hinten an zu stellen. So kam auch hier das Gesamtwerk als geregeltes Konstrukt daher, zu häufig agierten die Musiker allein auf den Einsatz des dominanten Maestros hin, nicht jedoch aus dem erwachsenden Klanggebilde heraus. Der Dialog zwischen Blechbläsern und Streichern in der „Erzählung der Prinzessin Kalender“ beispielsweise lief nur vermittelt über Masur, nicht jedoch im gemeinsamen Musizieren; ähnliches ließe sich über das Verhältnis von Solovioline (Luc Héry, mit geschmeidigem Ton) und Orchester zu Beginn des letzten Satzes sagen. Überall herrschte Disziplin. Spontaneität und Emotionalität, die eine Aufführung erst zum Leben bringen, fehlten. Natürlich hatte diese Lesart auch ihre hervorragenden Momente: etwa wenn im dritten Satz unvermittelt das Marschmotiv erklingt oder im Finalsatz das Tambourin zum Orchestersatz hinzugefügt wird. Doch solche Details sind zu wenig für eine wirklich mitreißende Aufführung. So blieb eine bemerkenswerte Orchesterleistung, getragen von der Disziplin der Musiker und dem unbedingten Gestaltungswillen Kurt Masurs.

Kurt Masur, durch seine Tätigkeit als Chefdirigent der Dresdner Philharmonie von 1967 bis 1972 eng mit Dresden verbunden, ist zweifelsohne seit vielen Jahren eine der großen Dirigentenpersönlichkeiten der Gegenwart. Ästhetisch gesehen ist er noch immer dem präzisen und die Kanten der Partituren etwas einebnenden Klangideal verhaftet, das er spätestens seit 1970 mit dem Leipziger Gewandhausorchester entwickelt hatte, dem er bis 1996 vorstand. Er bezeichnet es gerne als ‚Demut vor dem Werk’ und sieht sich selbst damit gegen so manchen modischen Strom schwimmen. Das ist eine ehrenwerte Haltung. Freilich birgt sie auch die Gefahr des (ästhetischen) Stillstandes in sich.

Wie stets, wenn Kurt Masur in seine alte Heimat Dresden oder Leipzig zurückkommt, wurde er stürmisch gefeiert. Ob diese Begeisterung am 29. Mai in der Dresdner Semperoper mehr seinem Lebenswerk galt oder der aktuellen Aufführung, mag jeder für sich selbst entscheiden.

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Orchestre National de France/Masur: Franck/Rimski-Korsakow

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: César Franck, Nikolai Rimsky-Korsakow

Mitwirkende: Universitätschor Dresden (Chor), Kurt Masur (Dirigent), Orchestre National de France (Orchester), Luc Héry (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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