> > > > > 28.10.2008
Donnerstag, 18. Juli 2019

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Tugan Sokhiev, eine Dirigentenhoffnung in Berlin

Mehr Bedeutung, bitte!

In Berlin sind die Tage rar, an denen ein anderes als die vielen Orchester der Stadt sich die Ehre gibt. Der Markt ist satt, da braucht es schon ein Musikfest, einen sehr berühmten Namen oder einen politischen Anlass, um in der Hauptstadt Philharmonie oder Konzerthaus anzumieten. Das Orchestre National du Capitol de Toulouse hat die EU-Ratspräsidentschaft Frankreichs zum Anlass eines Auftritts im Konzerthaus am Gendarmenmarkt genommen. Eine schöne Gelegenheit, das berühmte französische Ensemble einmal zu hören, die sich aber doch sehr viele entgehen ließen. War im Vorfeld doch auch kaum Werbung in den Straßen zu sehen, nicht in den U-Bahn-Höfen und nicht in den Zeitungen. Von nix kommt eben nix oder kommen eben nicht viele – Zuhörer in dem Fall. 

Dabei hätte die Chance bestanden, sich in fülligem, erstaunlich sonorem und beneidenswert einheitlichem Streicherklang zu baden. Der, der diesen Klang aus dem Orchester herausholte, war die 30 Jahre alte Dirigierhoffnung Tugan Sokhiev. Fast wollte man meinen, seine Herkunft aus Nord-Ossetien sei schuld gewesen, dass man sich bisweilen an das Klangideal eines Valery Gergiev erinnert fühlte – auch Gergiev ist Ossete. Doch fehlt es Sokhiev noch am architektonischen Überblick, die überwältigenden Augenblicke standen zu häufig für sich. Klangwucht und Klangschönheit sind eine Stärke dieses Orchesters, die sie weit über viele andere Ensembles exponiert. Wie müssten Debussy, wie Ravel, wie d’Indy oder Messiaen mit diesen Streichern wohl klingen? Leider ließen die Musiker aus Toulouse das Publikum die Erfahrung nicht machen.

Denn sie wählten Stücke, die nicht zur ersten Liga der Orchesterliteratur gehören: Hector Berlioz‘ Ouvertüre zu „Der Korsar“, Die Sinfonischen Variationen für Klavier und Orchester von César Franck und die Sinfonischen Tänze op. 45 von Sergej Rachmaninow. Allen diesen Werken ist eigen, dass sie das schmissige, das tänzerisch kuriose Element in den Vordergrund rücken. Von Tiefgang kann kaum die Rede sein. Auf Dauer wirkt so viel Forte und Presto aber platt. Durch die Zugaben, Tschaikowskys „Danse russe“ aus der Nussknacker-Suite und Bizets Ouvertüre zu Carmen, geriet der Abend schließlich gänzlich zur flotten Nummer. So erweckte das fulminante Orchester leider den Eindruck, als traute es den Berlinern nicht über den Weg. Bravos kassiert man mit Spektakelmusik natürlich, nachhaltigen Eindruck hinterlässt man nicht. Schade.

Dabei hätte man den wunderbaren Nelson Freire gerne mit einem gewichtigeren Stück als Francks Variationen gehört. Freire bewies in dem kurzen Werk seine ganze Gestaltungskraft. Er stemmte sich nicht mit hartem Anschlag gegen das meist etwas zu laut spielende Orchester, sondern blieb bei zarten, bei weich abschattierten Tönen. Franck, den deutschesten unter den französischen Komponisten, nahm er damit vor seinen eigenen Landsleuten etwas ein Schutz.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Orchestre National du Capitol de Toulouse: Tugan Sokhiev, Dirigent; Nelson Freire, Klavier

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Hector Berlioz, César Franck, Sergej Rachmaninoff, Georges Bizet, Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Nelson Freire (Solist Instr.)

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